
Sofia, 2. August (AFP) - Gut eine Woche nach der Freilassung von fünf bulgarischen Krankenschwestern und einem Arzt in Libyen hat Bulgarien dem nordafrikanischen Land seine Schulden erlassen. Dadurch beteilige sich Bulgarien mit umgerechnet rund 41 Millionen Euro an dem internationalen Entschädigungsfonds für die Aids-infizierten libyschen Kinder, teilte die Regierung in Sofia am Donnerstag mit. Zwei der Krankenschwestern wiederholten derweil ihre Vorwürfe, sie seien in libyscher Haft gefoltert waren. Sie habe "unbeschreibliche" Schmerzen erlitten und versucht, sich das Leben zu nehmen, sagte eine 41-jährige Bulgarin dem Online-Magazin "stern.de".
Bulgarien wolle der libyschen Führung helfen, ihre medizinischen Einrichtungen zu erneuern, die mit dem Aids-Virus angesteckten Kinder zu behandeln und die Familien der Kinder zu entschädigen, erklärte die Regierung. Außenminister Iwailo Kalfin erinnerte daran, dass Libyen die Schulden - die noch aus der Zeit des Kommunismus stammen - seit 18 Jahren nicht mehr getilgt habe. Die Regierung in Sofia hatte vergangene Woche angekündigt, dass sie Libyen die Schulden erlassen werde. Dies sei aber nicht als "Lösegeld oder Schuldeingeständnis" zu verstehen, sondern sei eine humanitäre Geste.
Libyen hatte die sechs Bulgaren am Dienstag vergangener Woche nach jahrelangen Verhandlungen mit der Europäischen Union freigelassen. Die arabische Republik hatte die Krankenschwestern und den Arzt vor rund acht Jahren inhaftiert, weil sie hunderten libyschen Kinder absichtlich HIV-verseuchte Blutkonserven gegeben haben sollen. Nach Angaben der Krankenschwestern lag es an der schlechten Hygiene in dem Krankenhaus, dass die Kinder sich infizierten.
Unklar war nach wie vor, woher die 460 Millionen Dollar stammen, mit denen die Opferfamilien entschädigt werden. Nach Angaben der bulgarischen Regierung beteiligen sich derzeit 17 Regierungen, neun private Gesellschaften und eine nichtstaatliche Organisation an dem Fonds. Libyen hatte vergangene Woche erklärt, dass die EU und speziell Frankreich zu den Entschädigungen beigetragen hätten; der französische Staatschef Nicolas Sarkozy behauptet dagegen, weder Frankreich noch Europa hätten auch nur "den geringsten Beitrag" geleistet.
Eine der freigelassenen bulgarischen Krankenschwestern, Nassija Nenowa, sagte "stern.de", sie sei mit Büchern und Schläuchen geschlagen und mit Stromschlägen gefoltert worden. "Sie legten mich auf ein Bett und verbanden meine Hände und Füße mit Kabeln. Mit einem Gürtel schnallten sie mich unter der Brust fest, damit ich mich nicht bewegen konnte. Es sind unbeschreibliche Schmerzen." Um der Folter zu entgehen, unternahm sie in Isolationshaft einen Selbstmordversuch.
Die Krankenschwester Kristjana Waltschewa, der palästinensischstämmige Arzt Aschraf el Hadschudsch und sie selbst seien so lange gefoltert worden, bis ihre Aussagen übereinstimmten, berichtete Nenowa. Auch die 55 Jahre alte Krankenschwester Sneschana Dimitrowa sagte, sie sei mit Stromschlägen gefoltert worden. Schwerer noch als der körperliche Schmerz seien aber die psychischen Folgen der Haft. Um die Trennung von ihren Angehörigen zu verkraften, habe sie mit Steinen und Sternen gesprochen, sagte Dimitrova dem "stern".
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