
Sofia, 24. Juli (AFP) - Nach mehr als acht Jahren Haft in Libyen sind fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt wieder frei. Die sechs kehrten am Dienstag an Bord einer französischen Maschine nach Bulgarien zurück, wo Präsident Georgi Parwanow sie begnadigte. Die EU begrüßte die Freilassung und stellte Libyen normalisierte Beziehungen in Aussicht. Kurz nach der Ausreise der sechs lieferten sich Tripolis und Paris einen Schlagabtausch um die Finanzierung der Entschädigungen für die Familien der libyschen Kinder, die die Krankenschwestern mit Aids infiziert haben sollen. Sie waren deshalb zum Tode verurteilt worden. Erst kürzlich wurde das Urteil in lebenslang umgewandelt.
Die sechs landeten Dienstagfrüh kurz vor zehn Uhr Ortszeit an Bord einer französischen Regierungmaschine in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Begleitet wurden sie von der Frau des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, Cécilia, und EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner. Die beiden Frauen hielten sich seit Sonntag in Libyen auf, um die Ausreise zu erreichen. Noch am Flughafen wurden die sechs begnadigt. Parwanow gehe von ihrer Unschuld aus und habe deshalb von seinem Recht zur Begnadigung Gebrauch gemacht, sagte der bulgarische Außenminister Iwailo Kalfin.
Überglückliche Angehörige schlossen die Freigelassenen in ihre Arme. "Ich weiß, dass ich in Bulgarien bin - aber obwohl ich unaufhörlich darauf gehofft und dafür gebetet habe, kann ich es noch immer nicht glauben", sagte Krankenschwester Kristiana Waltschewa. Wie ihre fünf Leidensgenossen hatte sie acht Jahre in libyschen Gefängnissen zugebracht - drei davon in dem Wissen, von der dortigen Justiz wegen der Aids-Vorwürfe zum Tode verurteilt zu sein. Am 17. Juli hatte die höchste Justizinstanz die Todesurteile in lebenslänglich umgewandelt und so den Weg für die Ausreise frei gemacht.
Der palästinensisch-stämmige Arzt Aschraf Dschuma Hadschudsch, der erst seit kurzem die bulgarische Staatsangehörigkeit hat, wollte bereits am Freitag rasch in die Niederlande weiterreisen, wo seine Familie politisches Asyl genießt. Der Mann war zum Zeitpunkt seiner Festnahme Praktikant am Krankenhaus Benghasi, wo er und die fünf Krankenschwestern nach libyscher Darstellung 438 Kinder vorsätzlich mit Aids infiziert haben sollen.
Aus libyschen Regierungskreisen verlautete, die Ausreise der sechs sei genehmigt worden, nachdem alle Bedingungen dafür erfüllt gewesen seien. Libyen seien eine Normalisierung der Beziehungen zu europäischen Ländern und ein Partnerschaftsabkommen mit der EU zugesagt worden, sagte eine Regierungsvertreter. Derzeit unterhält die EU keine bilateralen Beziehungen zu Tripolis.
"Jetzt sind Bedingungen für verbesserte Beziehungen geschaffen", sagte EU-Kommissionschef José Manuel Barroso. Die Freilassung sei möglich geworden, nachdem Ferrero-Waldner in der Nacht zum Dienstag mit den libyschen Behörden ein Memorandum unterzeichnete. Die EU-Kommission werde die an Aids erkrankten Kinder und ihre Familien weiter unterstützen. Eine Aufstockung von Finanzhilfen sei aber nicht vorgesehen.
Der Weg für die Umwandlung der Todesstrafe in lebenslange Haft war frei geworden, nachdem ein Entschädigungsabkommen in Millionenhöhe vereinbart wurde. Nach Angaben der libyschen Gaddafi-Stiftung, die in der Krise vermittelte, wurde den Angehörigen rund eine Million Dollar (rund 720.000 Euro) pro Kind zugesagt.
Nach der Freilassung erklärte Sarkozy in Paris, weder Frankreich noch die EU hätten auch nur die "geringste finanzielle Entschädigung" für die Freilassung geleistet. Libyens Außenminister Abdelrahman Schalgham hielt dagegen, die EU und Paris hätten Geld zu den Entschädigungszahlungen für die Opferfamilien beigesteuert: "Alle haben in den Fonds eingezahlt, auch die EU und Frankreich - sie haben die bislang ausgehändigte Summe gezahlt und noch mehr." Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklärte, mit der Freilassung habe Libyen den "Grundstein" für ein neues Verhältnis zur EU gelegt.
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