
Kabul, 20. November (AFP) - Als hätte das von Armut und Rebellion geplagte Afghanistan nicht schon genug Sorgen, kommen nun noch weitere Probleme hinzu: Aids und Drogen. Am Ende der Taliban-Herrschaft 2001 zählte Afghanistan offiziell acht HIV-Infizerte. Heute sind es 61, Tendenz steigend. Als eine der Ursachen gilt der massiv steigende HeroinK-onsum in dem Land mit der größten Opiumproduktion der Welt. Weil sich viele Drogensüchtige die Nadeln mit anderen teilen, steigt das Risiko von HIV-Infektionen. Doch nicht nur das: Mit den Drogengeldern werden auch militante Regierungsgegner wie die überwiegend im Süden des Landes aktiven Taliban-Kämpfer finanziert, wie der afghanische Minister für Drogenbekämpfung, Mohammed Safar, betont.
Mehr als 90 Prozent des weltweit produzierten Opiums stammen aus Afghanistan. Der Drogenanbau boomt ausgerechnet unter den Augen der US- und NATO-geführten Truppen, die Sicherheit und Stabilität nach Afghanistan bringen wollten und statt dessen offenbar machtlos dem Treiben der Drogenbosse zusehen müssen. Forderungen nach einer Verstärkung des internationalen Einsatzes in den Taliban-Hochburgen im Süden Afghanistans werden immer lauter. Der britische Premierminister Tony Blair rief die internationale Gemeinschaft noch am Montag bei einem Truppenbesuch am Hindukusch zur Geschlossenheit im Kampf gegen die Taliban auf.
Die Appelle richten sich auch an Deutschland, doch die Bundesregierung bleibt bislang bei ihrer Linie: Sie will sich weiter auf den Einsatz im Norden des Landes konzentrieren und keine Soldaten in den unruhigen Süden entsenden. In den nördlichen Regionen um Kundus und Faisabad mischt sich die Bundeswehr bewusst nicht in den Kampf gegen den Opium-Anbau ein und überlässt ihn den örtlichen Behörden. Doch die Verantwortlichen sind selbst Teil des Problems: Die Drogenmafia könne nicht ohne den Schutz auf höchster Ebene agieren, sagt Minister Safar. "Die Drogenmafia ist überall und will immer mehr produzieren und verkaufen."
Und die Nachfrage wächst wie der Mohn auf den Feldern: Nach Angaben Safars verdoppelte sich die Zahl der Heroinsüchtigen in der Hauptstadt Kabul zwischen 2003 und 2005 auf 14.000. Dem Minister zufolge schleppten vor allem die aus Pakistan und dem Iran zurückgekehrten Flüchtlinge das Problem in ihre Heimat ein: "40 bis 50 Prozent der Flüchtlinge konsumieren Heroin und 20 bis 30 Prozent Haschisch", sagt der Minister. Insgesamt nehme eine Million der 30 Millionen Afghanen Drogen. Ein Gramm Heroin kostet mit 300 Afghani (knapp fünf Euro) nur sechs Mal so viel wie ein Brot.
Zwei Entzugskliniken und die psychiatrische Klinik in Kabul bieten insgesamt 40 Plätze für Drogenabhängige an. Die etwa zweiwöchigen Behandlungen sind hart: Die Patienten tragen Einheitsanzüge wie im Gefängnis; aus hygienischen Gründen werden ihnen die Köpfe rasiert, und während des Entzugs werden sie mit kalten Duschen im Zaum gehalten. Die Ersatzdroge Methadon ist in Afghanistan verboten, doch der für Drogenbekämpfung zuständige Minister Safar rechnet angesichts fehlender Kontrollmechanismen mit einem illegalen Verkauf der Substanz.
Doch auch nach dem Entzug bleibt das Aids-Problem. Gesundeitsminister Saifur Rehman spricht von einer Dunkelziffer von 1500 bis 2000 Aids-Kranken im Land, von denen die meisten Drogen nähmen. Zum Teil benutzen zehn Süchtige dieselbe Nadel, wie Farid Sama von der Entzugsklinik Nedschat berichtet. Um zumindest die Ansteckungsgefahr zu mindern, verteilt die französische Hilfsorganisation Medecins du monde seit Oktober an einschlägigen Drogen-Treffpunkten saubere Nadeln. Die afghanischen Behörden versuchen derweil, die Ausbreitung von Aids mit Rufen nach Enthaltsamkeit, Treue und der Nutzung von Kondomen aufzuhalten.
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