
Paris, 11. August (AFP) - Ein Vierteljahrhundert lang hat der tödliche Virus eine Hiobsbotschaft nach der anderen geliefert. Die Verbreitung der Immunschwächekrankheit Aids schien unaufhaltsam. Wenn am Sonntag in Toronto 20.000 Wissenschaftler, Ärzte, Politiker und Aktivisten zur bislang größten Welt-Aids-Konferenz zusammenkommen, dürfte ungewohnte Zuversicht die Atmosphäre aufhellen. Nach einer langen dunklen Phase machen die Experten inzwischen erste Lichtblicke am Horizont aus: Der weltweite Verbreitungsgrad des tödlichen Virus hat sich stabilisiert. Immer mehr Infizierte haben Zugang zu Medikamenten, und die Pharmaindustrie arbeitet an neuen Behandlungsmethoden.
Hoffnungen auf eine vollständige Heilung der Krankheit sind verfrüht, warnen die Experten. Doch bekomme man Aids langsam in den Griff. "Die Aids-Epidemie hat sich stabilisiert", sagt Achmat Dangor, Kommunikationsdirektor beim Aids-Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNAIDS). Angesichts des schwierigen Kampfes gegen den Virus sei dies eine gute Nachricht: "In den vergangenen 25 Jahren haben wir in bitteren Lektionen gelernt, was man tun muss und was nicht." Dementsprechend prägten Sorge und Frustration die meisten der bislang 15 Welt-Aids-Konferenzen.
Im weltweiten Maßstab verlangsamt sich die Ausbreitung der Krankheit allmählich, sagt Dangor. "Allerdings gibt es einzelne Regionen und Länder, in denen sie weiter ansteigt." So sei das Virus etwa in Osteuropa und Indien rapide auf dem Vormarsch. Weltweit leben laut UNAIDS 38,6 Millionen Menschen mit dem HI-Virus. 2,8 Millionen starben vergangenes Jahr an der Krankheit, und 4,1 Millionen infizierten sich neu.
Auch für West- und Mitteleuropa kann keine Entwarnung gegeben werden. Die gemeldeten Neuinfektionen - 2005 waren es hier 22.000 - nehmen weiter zu, wenn auch auf relativ niedrigem Niveau. In Deutschland stiegen die Neuinfektionen 2005 um 13 Prozent (von 2210 im Jahr 2004 auf 2490 im Jahr 2005), wie das Robert-Koch-Institut mitteilte. Zugleich berichtet das Institut, dass nach einer Phase wachsenden Leichtsinns inzwischen wieder mehr Männer zum Kondom griffen.
Den größten Fortschritt der vergangenen Jahre gab es wohl in den armen Ländern zu verzeichnen, in denen die meisten HIV-Infizierten leben. Im Dezember 2003 hatten nur 400.000 Infizierte in diesen Ländern Zugang zu Medikamenten. Inzwischen werden zunehmend billige Nachahmerprodukte, so genannte Generika, an die Kranken verteilt; 2005 wurden bereits 1,3 Millionen Menschen mit Arzneien versorgt, und ihre Zahl wächst weiter.
In den westlichen Ländern läuft die Aids-Forschung auf Hochtouren. Wurden im Jahr 2001 laut UNAIDS weltweit nur 1,6 Milliarden Dollar für Aids-Forschung ausgegeben, waren es 2005 bereits acht Milliarden. Der US-Pharma-Konzern Panacos Pharmaceuticals rekrutiert derzeit Versuchspersonen zum Testen von PA-457, einer neuen Art virenhemmender Medikamente zur Aids-Behandlung. Fortschritte gibt es auch bei der Entwicklung eines Viren-abtötenden Mikrobizid-Gels, das vor dem Geschlechtsverkehr angewendet wird.
Die Entdeckung eines Heilmittels oder eines Impfstoffes gegen Aids liegt jedoch noch in weiter Ferne. "Der HI-Virus schadet dem Immunsystem auf ungewöhnlich raffinierte Art durch seine Fähigkeit, sich immer wieder zu verändern", sagt Anthony Fauci, Direktor des US-Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID).
Allerdings gibt es Hoffnung auf neue Erkenntnisse auch durch eine Riesenspende des Microsoft-Gründers Bill Gates: Seine Stiftung versprach der Aidsforschung im Juli für die Entwicklung eines Impfstoffes 287 Millionen Dollar. Darüber hinaus stellte die Bill and Melinda Gates Stiftung dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria 500 Millionen Dollar (knapp 390 Millionen Euro) in den kommenden fünf Jahren in Aussicht. Besonders die Entwicklung einer neuen Generation von virenhemmenden Medikamenten wird wichtig werden, weil zunehmende Probleme mit Resistenzen vorhersehbar sind.
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