
Berlin, 27. Mai (AFP) - Bei einem blutigen Amoklauf in Berlin hat ein 16-Jähriger mit einem Messer 28 Menschen verletzt. Eines der ersten Opfer war zudem nach eigenen Angaben mit dem Aids-Virus infiziert, wie die Polizei am Samstagabend mitteilte. Die Opfer der nachfolgenden Messer-Attacken oder Helfer könnten sich angesteckt haben. Am Abend wurde gegen den Jugendlichen Haftbefehl wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung erlassen. 15 Opfer waren am Samstagabend noch im Krankenhaus. Das Motiv für die Tat war völlig unklar. Die Tat zwei Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft löste eine Diskussion um die Sicherheitsvorkehrungen für die WM aus.
Der offenbar betrunkene Jugendliche hatte am Freitagabend am Rande der Eröffnungsfeier für den neuen Hauptbahnhof wahllos auf Menschen eingestochen. Der Ablauf der Ereignisse sei noch nicht vollständig geklärt, sagte der Berliner Polizeisprecher. Deshalb sei unklar, als wievielter genau das mit dem Aids-Virus infizierte Opfer verletzt worden sei. Alle Verletzten und Helfer sollten sich umgehend in Kliniken oder bei der Polizei melden.
Nach Angaben des Berliner Vize-Polizeipräsidenten Gerd Neubeck gingen die ersten Notrufe gegen 23.30 Uhr ein. Der Einsatz der Funkstreifen sei dadurch erschwert worden, dass sie sich durch tausende entgegenkommende Menschen einen Weg zum Tatort am Ufer der Spree bahnen mussten. Private Sicherheitsleute hätten den Täter ergriffen, nachdem er eine Frau in den Bauch geboxt hatte, und an die Polizei übergeben. Zeugen hätten den Jungen dann als den Messerstecher identifiziert.
Der Jugendliche, der vor dem Hauptbahnhof bereits wegen seines "alkoholtypischen Verhaltens" aufgefallen war, war offenbar mit der Menge von hunderttausenden Bahnhofsbesuchern mitgelaufen, hatte wahllos Passanten angerempelt und ihnen mit einem Messer in Rücken, Gesäß und Oberschenkel, aber auch in den Oberkörper gestochen. In dem laut Polizei nur rund zehn Minuten dauernden Amoklauf wurden sechs Menschen schwer verletzt. Ein Opfer war nach einer Notoperation am Samstag außer Lebengefahr.
Die Staatsanwaltschaft teilte mit, der Täter habe auf seine Opfer teils von hinten eingestochen, das werde juristisch als Heimtücke und damit als versuchter Mord gewertet. Nach Angaben eines LKA-Sprechers bestritt der Jugendliche zunächst die Tat und gab an, sich wegen seines Alkoholkonsums an nichts erinnern zu können. Die Polizei habe jedoch die Tatwaffe sichergestellt, die der 16-Jährige bei sich gehabt habe. Zudem gibt es nach Angaben Neubecks rund 60 Zeugen der Tat, die vernommen würden.
Der Vater des Jugendlichen sagte der "Berliner Morgenpost" (Sonntagausgabe), er habe keine Erklärung für die Tat seines Sohnes. Er wisse auch nichts zu den näheren Umständen, da er nur telefonisch mit der Polizei Kontakt gehabt habe. Laut Vize-Polizeichef Neubeck handelt es sich bei dem 16-Jährigen um einen deutschen Schüler aus dem Berliner Problembezirk Neukölln. Er sei bislang nur mit zwei "jugendtypischen Straftaten" aufgefallen; einer Sachbeschädigung an seiner Schule und einer Körperverletzung. Ein LKA-Sprecher betonte, die Tat sei nicht durch den familiären Hintergrund oder das Umfeld zu erklären.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte angesichts des Amoklaufs Einlasskontrollen bei allen größeren öffentlichen Fußballübertragungen während der WM. Fans müssten auf Waffen durchsucht werden, sagte GdP-Chef Konrad Freiberg der "Welt am Sonntag".
Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wies Forderungen etwa des Unions-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Bosbach zurück, wonach nun die Sicherheitskonzepte für die WM als Konsequenz aus der Tat überdacht werden müssten. Die Sicherheitspläne mit Zäunen, Einlasskontrollen, privaten Sicherheitsleuten und Polizei am Rande von WM-Übertragungen auf Großleinwände reichten aus, sagte Körting. Bei dem Amoklauf handele es sich um eine "singuläre Tat", die nie völlig ausgeschlossen werden könne.
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