Bukavu, 30. November (AFP) - Die Regenzeit verwandelt die Hauptstraße von Bukavu in eine Schlammpiste. Am Straßenrand hockt barfuß eine in zerschlissene Tücher gehüllte Bäuerin und verkauft ihre Ernte: fünf zu einem Turm gestapelte Kartoffeln. Die Stadt ganz im Osten der Demokratischen Republik Kongo bietet ein Bild der Trostlosigkeit. Nachrichten aus Bukavu sind meist schlechte - wie die im Sommer, als abtrünnige Generäle die Provinzhauptstadt einnahmen. Der offiziell im vergangenen Jahr beendete Bürgerkrieg ist hier am Kivu-See noch lange nicht vorbei. Ausgerechnet Bukavu soll nun zu einer Stätte der Hoffnung in einem anderen Kampf werden - dem gegen Aids.
In einem Pilotprojekt will die deutsch-schweizerische Firma Pharmakina mit Unterstützung der Bundesregierung ab Anfang nächsten Jahres in Bukavu Aids-Medikamente produzieren, die so billig sind, dass weit mehr Patienten als bisher behandelt werden können. "Damit können Infizierte fünf bis zehn Jahre länger leben", sagt die Deutsche Anja Gebbers, die das Aids-Projekt bei Pharmakina leitet.
Die Idee dazu stammt von der Pharmazeutin Krisana Kraisintu. Die Thailänderin erregte in den 90er Jahren international Aufsehen, als sie sich mit den auf ihre Patente pochenden Pharmakonzernen anlegte und in ihrer Heimat das billigste Aids-Präparat der Welt entwickelte. Tausende Kranke schlucken seither in Thailand Kraisintus Tabletten, ohne die viele von ihnen längst gestorben wären. Ihre Mission in Asien ist für die resolute Forscherin damit erfüllt, deshalb zog sie nach Schwarzafrika weiter, wo drei Viertel der etwa 40 Millionen HIV-Infizierten weltweit leben.
Dort fand Kraisintu mit Pharmakina einen idealen Partner. Horst Gebbers und Etienne Erny hatten den Betrieb mitten im Krieg 1999 von dem Konzern Hoffmann-LaRoche gekauft. Sie bauten die Produktion von Malariamitteln auf der Basis von Chinin aus und wurden so zum wichtigsten Arbeitgeber in Bukavu. AFRI-VIR heißt das aus drei Wirkstoffen zusammengesetzte Medikament, das Pharmakina herstellen wird. Die Kombination sei das "private Wissen" Kraisintus, deshalb verstoße die Produktion auch nicht gegen internationale Patente, erklärt Anja Gebbers. Eine Monatsdosis AFRI-VIR werde 25 Dollar (19 Euro) kosten - weniger als ein Zehntel dessen, was die großen Pharmafirmen für ihre Präparate verlangen.
25 Dollar sind zwar für die bitterarmen Kongolesen immer noch ein unerschwinglich hoher Preis, doch Nichtregierungsorganisationen wie das deutsche Medikamentenhilfswerk action medeor können auf diese Weise viel mehr Menschen mit dem lebensverlängernden Cocktail versorgen. Bisher erhalten im Kongo nicht einmal zwei Prozent der Betroffenen Medikamente.
Die ersten, die - kostenlos - von AFRI-VIR profitieren werden, sind die HIV-Infizierten unter den 1300 Mitarbeitern von Pharmakina und ihre Familien. Wie viele andere Unternehmen in Afrika leidet auch die Pharmafirma wirtschaftlich unter den Folgen der Aids-Epidemie: Arbeitskräfte fallen aus, die Kaufkraft der von HIV betroffenen Familien sinkt. Medikamente wie AFRI-VIR drängen das Virus so effektiv zurück, dass die Infizierten wieder arbeiten, ihre Kinder erziehen und ein normales Leben führen können.
Parallel zur Produktion der Pillen plant Pharmakina ein Zentrum für Aids-Tests und ärztliche Behandlung, denn eine staatliche Gesundheitsversorgung gibt es nicht. Mit Theateraufführungen versuchen Hilfsorganisationen bereits seit längerem, die Menschen in Bukavu über die Immunschwächekrankheit aufzuklären. Und das ist in der Region, in der Rebellen seit Jahren um die Ausbeutung der reichen Bodenschätze kämpfen, auch dringend nötig: Durch die systematischen Massenvergewaltigungen hat sich die Epidemie dort rasant ausgebreitet.
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