Brüssel/Berlin, 23. November (AFP) - Trotz Milliardeninvestitionen in den Kampf gegen Aids ist die Zahl der weltweiten HIV-Infektionen auf einen neuen Höchststand gestiegen. Nach einer am Dienstag in Brüssel veröffentlichen Studie der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leben derzeit 39,4 Millionen Menschen mit dem HI-Virus. Gut drei Millionen Menschen starben in diesem Jahr an Aids. Besonders alarmierend ist die Lage der Frauen und Mädchen, auf die der diesjährige Welt-Aids-Tag am 1. Dezember aufmerksam macht: Sie stellen inzwischen fast die Hälfte aller Infizierten. Der deutsche Aids-Beirat rief dazu auf, die Mittel für die Präventionsarbeit nicht zu kürzen.
Die von der UN-Organisation UNAIDS und der WHO vorgelegten Zahlen sind Besorgnis erregend: Fast fünf Millionen Menschen infizierten sich in diesem Jahr neu mit HIV. In einigen Regionen der Welt explodierte die Zahl der Neuansteckungen geradezu. In China, Indonesien und Vietnam infizierten sich 50 Prozent mehr Menschen als 2002 mit dem Immunschwächevirus, in Russland und der Ukraine sowie in Zentralasien stieg die Zahl um 40 Prozent. Krisenregion Nummer eins bleibt aber nach wie vor das südliche Afrika: Dort leben mehr als 25 Millionen Menschen mit dem Immunschwäche-Virus.
Dabei haben sich die Investitionen in den Kampf gegen Aids in den vergangenen Jahren verdreifacht: Die Mittel stiegen von 2,1 Milliarden Dollar (rund 1,6 Milliarden Euro) 2001 auf 6,1 Milliarden Dollar im laufenden Jahr. "Die Herausforderung ist es nun, das Geld auch zum Einsatz zu bringen", betonte UNAIDS-Chef Peter Piot. "Ein Impfstoff ist immer noch nicht in Sicht. Wir brauchen einen Durchbruch in der Forschung."
Daneben müssten neue Strategien entwickelt werden, um gerade die hohe Zahl der Neuinfektionen bei Frauen zu bremsen, betonte Piot. Der Grund für die Ausbreitung von Aids sei in vielen Fällen Armut und das fehlende Wissen über Verhütungsmethoden. Die Weltgesundheitsorganisation und die UNO setzen daher neben verstärkter Aufklärung auf den Einsatz so genannter Mikrobiozide. Die Vaginalgels verhindern die Anlagerung des HI-Virus im Körper und stoppen sexuell übertragbare Infektionen, die das Risiko einer HIV-Infizierung erhöhen. Forscher glauben, damit könnten allein in Afrika zwei Millionen Leben gerettet werden.
In Deutschland leben derzeit nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 44.000 Menschen mit einer HIV-Infektion. Darunter sind 9500 Frauen und 300 Kinder. Die Zahl der Neuinfektionen stieg erneut leicht von rund 1950 im vergangenen Jahr auf geschätzte 2000 in 2004. An Aids starben 700 Menschen, darunter 150 Frauen. Das Vorurteil, dass sich nur schwule Männer mit HIV infizieren, stimmt auch für Deutschland längst nicht mehr. 41 Prozent aller Neuinfektionen gingen der WHO zufolge auf heterosexuellen Geschlechtsverkehr zurück.
Der Aids-Beirat rief Bund, Länder und Kommunen dazu auf, trotz klammer Kassen die nötigen Mittel zum Kampf gegen Aids bereitzustellen. Das mancherorts gefährdete Angebot für einen kostenlosen, anonymen und freiwilligen HIV-Test müsse "unbedingt beibehalten werden", unterstrich der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth. Zudem müsse allen Frauen in der Schwangerschaftsvorsorge ein HIV-Test angeboten werden. Trotz der guten Prophylaxe-Möglichkeiten wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 19 HIV-Infektionen bei Neugeborenen und Kindern diagnostiziert.
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