Bukavu, 1. November (AFP) - Die Glocken läuteten - zum Gebet, dachte Christine Babuma und machte sich mit ihren Schwestern auf zur Kirche in ihrem Dorf in der ostkongolesischen Provinz Süd-Kivu. Doch statt des Priesters warteten fünf Hutu-Rebellen auf die Mädchen. "Sie haben uns die Hände zusammengeschnürt und an ihren Gürteln festgebunden", erzählt die 18-Jährige. "Dann verschleppten sie uns in den Wald. Vor jeder Vergewaltigung haben sie uns geschlagen." Als Christine endlich fliehen konnten, war sie bereits hoch schwanger. Zurück in ihrem Dorf brachte sie ihre Tochter Regine zur Welt.
Auf dem Papier herrscht seit vergangenem Jahr nach fünf Jahren Bürgerkrieg Frieden in der Demokratischen Republik Kongo: Mit den Nachbarstaaten Ruanda, Burundi und Uganda wurden Abkommen unterzeichnet, und die verfeindeten Fraktionen sitzen nun gemeinsam am Regierungstisch. Doch die Menschen im Osten des riesigen Landes im Herzen Afrikas leben noch lange nicht in Sicherheit.
Allein in Süd-Kivu wurden in den vergangenen Jahren nach Schätzungen von Hilfsorganisationen 30.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt. "Die Milizen vergewaltigen systematisch, immer nach einem bestimmten Muster", sagt Stanislas Byamunga, der ein von Deutschland unterstütztes Projekt für die Opfer leitet. "Sie nehmen sich ein bestimmtes Viertel vor und gehen dann von Haus zu Haus. Selbst vor einjährigen Kindern machen sie nicht Halt, auch Männer werden missbraucht. Oft muss die ganze Familie bei den Gräueltaten zusehen." Einige junge Frauen wie Christine Babuma würden als Sexsklavinnen missbraucht. "Viele von ihnen sind bis heute in den Wäldern geblieben."
Der Osten Kongos war der Hauptschauplatz des Bürgerkriegs, in dessen Folge 3,5 Millionen Menschen starben und fast genauso viele zu Flüchtlingen wurden. Es war und es ist vor allem ein Kampf um die Diamanten, das Gold und das in der Computerindustrie begehrte Erz Coltan, das in Kivu in großen Mengen vorkommt. Doch der Bürgerkrieg war auch eine Folge des Völkermordes in Ruanda auf der anderen Seite des Kivu-Sees. Nachdem Hutu im Frühjahr 1994 binnen hundert Tagen 800.000 Tutsi und oppositionelle Hutu auf brutalste Weise getötet hatten, flohen die Bewaffneten unter dem Schutz französischer Soldaten vor den neuen Tutsi-Machthabern in die Berge im Ostkongo. Tausende Hutu-Kämpfer verstecken sich noch immer in den Wäldern auf der kongolesischen Seite der Grenze.
Die Menschen im erschreckend armen Kivu-Gebiet machen in erster Linie diese Hutu-Milizen für die sexuelle Gewalt verantwortlich. "Vergewaltigung ist ihre Waffe zur Zerstörung des Ostkongo", sagt Christine Schuler, die Beauftragte der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) für die Region. Und niemand gebietet dieser Zerstörung Einhalt: Die Regierung in der Hauptstadt Kinshasa hat keine Kontrolle über den fast 2000 Kilometer entfernten Osten des Landes. Und auch der UN-Friedensmission MONUC gelang es bisher nicht, die Hutu-Kämpfer nach Ruanda zurückzuschicken. Ein funktionierendes Justizsystem gibt es nicht, so dass es in all den Jahren "nicht einmal symbolische Strafen für Vergewaltigungen gab", wie Stella Yanda, die für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch arbeitet, beklagt.
Gespräche, ab und zu ein Kleidungsstück und ein bisschen Essen ist alles, was Hilfsorganisationen den Vergewaltigungsopfern, die vielfach mit HIV infiziert wurden, derzeit bieten können. "Viele der Opfer sterben an ihren Verletzungen, weil ihnen jegliche medizinische Betreuung fehlt", heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Doch nicht nur Ärzte, auch Therapeuten fehlen. "Die schwer traumatisierten Menschen haben die Hoffnung in die Zukunft verloren, sie werden passiv", sagt die deutsche Psychotherapeutin Petra Meyer, die im Kongo arbeitet. Christine Babuma hofft noch auf eine Zeit, in der sie und ihre Tochter keine Angst mehr vor Milizionären haben müssen: "Erst dann werden wir wieder am Leben teilhaben können."
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