Rio de Janeiro, 28. August (AFP) - Der Rohstoff wächst im Herzen des brasilianischen Regenwalds, und von dort soll auch das Endprodukt stammen: Hunderte Millionen Kondome - oder "Venushemdchen", wie die Brasilianer sagen - werden bald in der Urwaldstadt Xapuri hergestellt. Sie sollen in doppelter Hinsicht einen guten Zweck erfüllen: Erstens will sie die Regierung kostenlos verteilen, um die Ausbreitung von Aids in dem bevölkerungsreichsten Land Südamerikas zu verhindern. Und zweitens können sie, weil sie aus in der Region gewonnenem Latex gefertigt werden, tausenden Menschen ein Einkommen sichern.
"Im November werden wir mit dem Bau der Latex-Zentrifuge beginnen, dem Herzstück der Fabrik", erklärt Agnaldo Marques, Sprecher der Planungsbehörde des an Peru und Bolivien angrenzenden Bundesstaates Acre. "Danach müssen wir nur noch die Produktionsanlagen errichten." Pro Jahr sollen in der neuen Fabrik 100 Millionen Kondome hergestellt werden. Dafür werden 210 Tonnen Latex benötigt, die aus Xapuri kommen. Die Hälfte der 13.000 Einwohner der Stadt lebt von der wie Milch aussehenden Flüssigkeit, die aus der Rinde der Kautschukbäume gezapft und später zu Rohgummi verarbeitet wird. Bisher wird das meiste Latex aus Xapuri für die Herstellung von Reifen verwendet. Sobald die Kondomfabrik läuft, soll mehr als ein Drittel der Ernte dorthin geliefert werden.
"Es werden die einzigen Kondome der Welt sein, für die das Latex aus natürlichem Regenwald stammt und nicht aus Plantagen", betont Marques stolz. Bisher waren manche Experten der Auffassung, das aus "wilden" Bäumen gewonnene Latex sei für die Herstellung von Kondomen nicht geeignet. Doch zwischen Oktober und November 2003 ließ die Regierung über 36.000 Kondome testen, für die 2469 Liter Latex aus Xapuri verwendet worden waren. Das für die Qualitätsprüfung in Brasilien zuständige staatliche Institut befand die Kondome für gut: Die Qualität des Kautschuks aus der Region sei "nicht zu überbieten", denn er sei elastischer und haltbarer als synthetische Produkte.
Jedes Jahr verteilt das brasilianische Gesundheitsministerium kostenlos 600 Millionen Kondome; allein während der Karnevalszeit sind es zehn Millionen. Mit dem Bau der Fabrik und den erhofften 100 Millionen Kondomen jährlich will die Regierung Geld sparen, das sie sonst für den Import der Verhüterli ausgeben müsste. Die lokalen Behörden der Region um Xapuri hoffen, dass die Fabrik die Lebensgrundlage der "seringueiros" genannten Kautschukzapfer sichert. Seit über hundert Jahren wird im Amazonasgebiet Latex gezapft, der Rohstoff ist ein ökonomisches Standbein der Region.
Die Fabrik wäre auch ganz nach dem Geschmack des früheren "Seringueiro"-Anführers Francisco Alves Mendes, glauben die Behörden. Der Umweltaktivist und Kautschukzapfer, der unter dem Spitznamen "Chico Mendes" bekannt wurde, hatte sich für eine dauerhafte Erhaltung des Regenwaldes eingesetzt, der unzählige Familien mit dem Lebensnotwendigen versorgt. 1988 wurde er von Landbesitzern, denen seine Aktivitäten ein Dorn im Auge waren, ermordet. Auch die heutige brasilianische Umweltministerin Marina Silva stammt aus Acre, arbeitete einst als Kautschukzapferin und kämpfte an der Seite von "Chico Mendes" gegen die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes.
Bisher gibt es in Brasilien erst drei Fabriken, in denen Kondome hergestellt werden. Alle drei gehören multinationalen Unternehmen und befinden sich im Bundesstaat São Paulo. Die Fabrik in Xapuri soll im kommenden Jahr in Betrieb gehen. Allein auf dem vier Hektar großen Firmengelände werden zwischen 150 und 200 Menschen Arbeit finden.
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