Bangkok, 9. Juli (AFP) - Sakchai Boonma wiegt nur noch 35 Kilo. Er hat nicht mehr die Kraft, sich die Tränen von der Wange zu wischen, als er von seiner Freundin erzählt, die ihn mit dem HI-Virus angesteckt hat. Der bis auf die Knochen abgemagerte Mann leidet unter Aids und ist einer von etwa 604.000 Thailändern, die nach Angaben des thailändischen Gesundheitsministeriums infiziert sind. Von seinem Bruder ist der Kraftfahrer zum Sterben in den buddhistischen Tempel in Phra Baht Nam Phu, 150 Kilometer nördlich von Bangkok, gebracht worden. Es ist der erste Tempel Thailands, in dem aufgegebene Aids-Kranke versorgt werden. "Hier sind wir besser aufgehoben als im Krankenhaus, wo sich niemand um uns kümmert", sagt Boonma mit schwacher Stimme.
Jedes Jahr nimmt der Tempel rund tausend Kranke kostenlos auf. Ungefähr 500 von ihnen sterben jährlich in dem Anfang der 90er Jahre eröffneten Tempel. Insgesamt sind in Thailand nach Angaben des Gesundheitsministeriums bisher 460.000 Menschen an Aids gestorben. Der Belgier Yves Wéry ist der einzige Arzt, der sich in der Stätte um die Aids-Patienten kümmert, und das ehrenamtlich. "Es gibt nur einen Arzt hier, einen dummen Idioten aus Belgien, der sogar sein eigenes Visum bezahlen muss", sagt der 47-Jährige in einer Mischung aus Spott und Resignation. Eine Tuberkulose-Erkrankung und einen Nervenzusammenbruch hat er an diesem "schrecklichen Ort" schon hinter sich gelassen, demnächst will er ein Buch über seine Erfahrungen veröffentlichen.
50 Prozent der thailändischen Ärzte nähmen Aids nicht ernst, beklagt Wéry. Viele seiner Berufskollegen weigerten sich, Aids-Kranke zu behandeln. Dennoch gilt Thailand als Vorreiter im Kampf gegen Aids. Das Land produziert die wichtigste Medizin gegen den Retrovirus zum weltweit günstigsten Preis, wie der Belgier betont. Die Hauptstadt Bangkok ist zudem Veranstaltungsort der 15. Welt-Aids-Konferenz vom 11. bis 16. Juli. Die erwarteten 20.000 Teilnehmer wollen vor allem nach Wegen suchen, den Infizierten in Asien und der Dritten Welt den Zugang zu medizinischer Versorgung zu erleichtern.
In Thailand breitete sich Aids schon zu Beginn der Epidemie 1984 aus. Das Königreich reagierte mit einer intensiven Präventionsarbeit. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Neu-Infizierten auf 19.000, gegenüber 143.000 im Jahr 1991. Experten der UNO und thailändische Politiker befürchten jedoch einen rasanten Anstieg bei der Ausbreitung der Seuche, falls die Präventionsarbeit nicht mit der gleichen Intensität wie in den 90er Jahren fortgesetzt wird. "Thailand hat früh Erfolge im Kampf gegen Aids erzielt. Aber der Erfolg könnte zum Feind werden", sagt Lucita Lazo, regionale Frauenbeauftrage der UNO. "Es ist an der Zeit, neue Maßnahmen zu ergreifen. Besonders der Gebrauch von Kondomen muss gefördert werden", fordert sie.
Die Seuche, von der zunächst in Thailand nur Risikogruppen wie Prostituierte, Homosexuelle und Drogensüchtige betroffen waren, bedroht nun die gesamte Bevölkerung. Zwar ist die Anzahl der Bordellbesuche thailändischer Männer nach Expertenansicht gesunken, doch nehme die Zahl flüchtiger privater Sexualkontakte zu; gleichzeitig lasse der Gebrauch von Kondomen nach. Auch in Asien insgesamt stellt die Epidemie demnach eine immer größere Bedrohung dar, insbesondere aufgrund der immer noch weit verbreiteten Unwissenheit in vielen Bevölkerungsschichten. Im vergangenen Jahr kletterte die Zahl der Infizierten nach Angaben der UN-Organisation UNAIDS in der Region auf 7,4 Millionen und erreichte damit einen traurigen Höhepunkt. Große Teile der asiatischen Bevölkerung wüssten noch immer nicht, wie das Aids-Virus übertragen werde.
Die ärztliche Betreuung Aids-Kranker in Asien leidet nach Meinung von Fachleuten vor allem am Mangel an qualifizierten Ärzten, was eines der Hauptthemen der Welt-Aids-Konferenz werden soll. Zwar sind nach einem Bericht der US-Stiftung für Aids-Forschung 1,3 Millionen Asiaten auf spezielle Aids-Medikamente angewiesen, nur 100.000 der Bedürftigen erhielten diese aber tatsächlich.
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