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Pariser in Afghanistan - Kondom-Kampagne steht vor dem Startschuss - Schon 400.000 Präservative seit Januar verkauft

Agence France-Presse - Mai 4, 2004
Hervé Bar

Kabul, 4. Mai (AFP) - Nicht weniger als eine kleine gesellschaftliche Revolution ist im Gange in Afghanistan, dem Land, das die erzkonservativen Taliban-Islamisten hervorbrachte. Population Services International (PSI), ein in Washington beheimatetes Unternehmen für Sozialmarketing, hat eine Kampagne für die Benutzung von Kondomen in die Wege geleitet - allerdings unter peinlich genauer Vermeidung des Reizwortes "Sex". In der kommenden Woche soll der offizielle Startschuss für das Vorhaben gegeben werden. Der diskrete Verkauf von rund 1,6 Millionen Verhüterli hat indes bereits begonnen.

Mithilfe öffentlicher Subventionen durch die US-Entwicklungsbehörde USAID und mit Zustimmung des afghanischen Gesundheitsministeriums werden schon seit Januar still und heimlich die Überzieher der Marke "Number One" (Nummer eins) zum Stückpreis von einem Afghani, umgerechnet knapp zwei Cent, an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht, wie PSI-Mitarbeiter Andrew Miller sagt. In Apotheken und Geschäften fünf großer afghanischer Städte seien schon rund 400.000 Kondome verkauft worden.

Die größte Herausforderung steht den Organisatoren jedoch noch bevor, wenn in dem islamischen Land in der kommenden Woche erstmals "kulturell angepasste" Radiospots geschaltet und Plakate angebracht werden sollen. Damit soll das Produkt zur Geburtenkontrolle erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Doch in dem islamischen Kulturumfeld "müssen wir einen sanften Ansatz finden, um nicht die afghanischen Sensibilitäten zu verletzen", betont Miller.

Obwohl offiziell schon seit mehr als zwei Jahren nicht mehr unter der Knechtschaft der repressiven Taliban sunnitischer Ausprägung, bleibt die afghanische Gesellschaft weiterhin zutiefst grundkonservativen Werten des Islam verbunden, in denen sexuelle Aspekte stark unterdrückt werden. Themen rund um Sex sind wie in anderen islamischen Staaten nach wie vor absolut tabu. Mittel zur Empfängnisverhütung tauchten am Hindukusch zwar erstmals während der sowjetischen Besatzung Anfang der 80er Jahre auf und sind heute in den meisten Drogerien erhältlich. Sie werden jedoch nur selten benutzt und stets versteckt gehalten.

Zur PSI-Kampagne gehört demgemäß eine dezente Gestaltung der Kondomverpackung. Auf nüchternem marineblauen Papp-Untergrund ist lediglich der Schriftzug "Number One" zu lesen sowie eine "1", die nach dem Willen des US-Unternehmens eine dezente phallische Anspielung sein soll - anderenfalls könnten sich ja auch Lollys, Batterien oder Motorenöl in der Packung befinden. Die Pariser selbst kommen völlig ohne Geschmacks- oder Duftzusätze oder gar lustige Sonderformen daher.

"Es hat uns einiges Kopfzerbrechen bereitet, die Gebrauchsanweisung zu übersetzen und die Packung zu gestalten, ohne dass es schockt", gesteht Emmanuel de Dinechin von der Firma Altai Consulting ein, die bei der Produkteinführung beratend zur Seite stand. "Afghanen zeigen gegenüber Sexualität eine abgrundtiefe Ignoranz, die Erziehungsarbeit in dieser Hinsicht ist enorm", fügt Dinechin hinzu. Zu den kulturellen Hindernissen gehört, dass es in Afghanistan undenkbar wäre, das Überziehen eines Kondoms mit einer Zeichnung zu illustrieren. Eine direkte wörtliche Übersetzung westlicher Handhabungshinweise in die Landesprachen Paschtu und Dari verbietet sich selbstredend. Wörter wie "Sex" sind schlicht nicht akzeptabel.

Bei gerade mal knapp einem Dutzend öffentlich gemeldeter Fälle von HIV und Aids ist die Epidemie kein Aufhänger für eine Werbekampagne. Vielmehr geht es PSI darum, Paaren ein besseres "Timing" ihrer Nachwuchsplanung zu ermöglichen und damit gegen die dramatisch hohe Muttersterblichkeit vorzugehen. Der anfänglich geplante Spruch "Für eine kleinere Familie" wurde als unpassend in einem Land verworfen, in dem von Frauen grundsätzlich das Gebären von fünf bis sechs Kindern erwartet wird. Nun wird eine etwas zurückhaltendere Variante bevorzugt: "Für ein komfortableres Leben - mach deine Familie zur Nummer eins." Das diskrete Marketing werde sich schnell weit verbreiten, und Afghanen würden rasch mit "Number One" vertraut werden, ist sich Miller sicher.

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