Zhumadian, 28. November (AFP) - Bluttransfusionen, schmutzige Spritzen und ungeschützter Sex sind wie überall auf der Welt auch in China Hauptquellen für eine Ansteckung mit dem Aids-Virus. Nach Indien ist das Reich der Mitte das asiatische Land mit den meisten HIV-Infizierten - aber die Regierung stellt sich nur zögernd der Realität. UN-Schätzungen zufolge könnte die Zahl der Infizierten bis 2010 auf 20 Millionen Chinesen steigen - höchste Zeit also, der Realität ins Auge zu sehen. Seit Juli verteilen die Behörden in einigen Regionen kostenlose Medikamente an Kranke. Aber nach wie vor verdecken geschönte Statistiken und mangelnde Information die drohende Katastrophe.
"In dieser Gegend wissen viele Leute gar nicht, was Aids ist", sagt Di Ying aus der am schlimmsten betroffenen Provinz Henan. Vor drei Jahren infizierte sich Dis Sohn bei einer Bluttransfusion in einem ländlichen Krankenhaus mit dem HI-Virus. Vergangenen Monat starb er. Das Blut stammte von einem Bauern, der es für einen kleinen Zuverdienst verkauft hatte.
Die Hälfte der HIV-Infizierten in China sind Drogensüchtige, aber immerhin 20 Prozent stecken sich durch verunreinigtes Blut an. Seit Mitte der 80er Jahre florierte in Henan und umliegenden Gegenden der unkontrollierte Handel mit Plasma. Viele Bauern spendeten gegen Bezahlung an unhygienisch geführte Blutbanken; Krankenhäuser kauften das verunreinigte Plasma und verabreichten es ungeprüft Patienten. Nicht benötigtes, vermischtes Blut wurde den Spendern sogar wieder injiziert. Erst im August 2001, als das Aids-Problem in China bereits verheerende Ausmaße angenommen hatte, gestand die Regierung diese verhängnisvolle Praxis ein.
Mit dem im Juli gestarteten Aids-Programm werden jetzt in Henan und umliegenden Provinzen mehr als 5000 Kranke mit kostenlosen Medikamenten versorgt, und in den kommenden fünf Jahren soll die Zahl auf 40.000 steigen. Doch "wie soll die Zahl der benötigten Medikamente bestimmt werden, wenn mit so unrealistisch niedrigen Zahlen umgegangen wird?", fragt Li Dan, Chef der Hilfsorgsanisation "Orchidee" aus Zhumadian in Henan. Nach Regierungsangaben leben in China 850.000 Menschen mit dem HI-Virus, was laut UNO stark untertrieben ist. Sie schätzt die Zahl der Infizierten allein in Henan auf eine Million - laut Peking leben dort lediglich 32.000 HIV-Infizierte.
Zhumadian ist die Stadt mit den meisten Infizierten in China, aber viele von ihnen wissen noch nicht einmal, dass sie das gefährliche Virus in sich tragen. Lange Zeit verkauften die chinesischen Behörden Aids als ausländisches Problem. Doch das HI-Virus bedroht nicht nur die Gesundheit der Menschen, sondern als Folge sinkender Arbeitsleistung auch die boomende Wirtschaft des asiatischen Staates. Soziale Probleme und Lebensmittelknappheit sind die Folge - in Afrika können die verheerenden Auswirkungen von Aids bereits beobachtet werden. Die UNO warnt das 1,3-Milliarden-Volk seit langem vor der tödlichen Gefahr.
Allmählich zeigen die Appelle offenbar Wirkung. Künftig sollen nach dem Willen der chinesischen Regierung alle Aidskranken kostenlose Medikamente bekommen, womit auch Drogensüchtige gemeint sein könnten. Für einen westlichen Aids-Experten in Peking ist das ein erheblicher Fortschritt: "Das ist eine gewaltige Veränderung der Einstellung, nachdem die Regierung jahrelang nichts besonderes für HIV-Infizierte tun wollte", sagt er. Früher sei in Fernsehspots, auf Plakaten oder Konferenzen nie direkt auf HIV hingewiesen worden. Jetzt gebe es erstmals ein Medikamentenprogramm.
Ein weiterer Fortschritt: Für den Welt-Aids-Tag am Montag sind in China zahlreiche Veranstaltungen zum Thema geplant. Und die Behörden der Stadt Peking verkündeten am Freitag die Einrichtung einer Hotline für Fragen zu Epidemien wie Sars und Aids. Ab dem 10. Dezember können sich die Einwohner der Hauptstadt über Gesundheitsrisiken informieren - 18 Jahre, nachdem in der Metropole der erste Aids-Fall entdeckt wurde.
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