Berlin, 26. November (AFP) - Die Zahl der Aids-Waisen in den Ländern südlich der Sahara wird sich nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF) bis zum Jahr 2010 auf 20 Millionen nahezu verdoppeln. "Eine ganze Generation von Kindern hat nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre Kindheit verloren", sagte der UN-Sonderbeauftragte für Aids in Afrika, Stephen Lewis, bei der Vorstellung der Studie "Afrikas verwaiste Generationen" am Mittwoch in Berlin. Um eine weitere Explosion der Waisenzahl zu verhindern, müssten infizierte Eltern Zugang zu Medikamenten bekommen. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) erklärte, die Tragödie der Aids-Waisen bedrohe zusehends die wirtschaftliche und soziale Stabilität in der Region. Es müsse alles getan werden, um zu helfen; "wir dürfen die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen."
Der Studie zufolge wird in Botswana, Lesotho und Swasiland, wo heute rund ein Drittel der 15- bis 49-Jährigen HIV-positiv sind, in den kommenden Jahren nahezu jedes fünfte Kind einen oder beide Elternteile verlieren. Auch in Ländern wie Uganda, die durch Aufklärungskampagnen die Zahl der Neuinfektionen senken konnten, würden die Waisenzahlen weiter hoch bleiben oder sogar noch steigen, weil bereits infizierte Eltern an der Immunschwächekrankheit stürben. Bis heute hätten nur sechs der 40 besonders von Aids betroffenen Staaten offizielle Hilfsprogramme zum Schutz und zur Hilfe für Aids-Waisen entwickelt, bemängeln die Autoren der Studie.
Nach Angaben von UNICEF leben derzeit elf Millionen Aids-Waisen im südlichen Afrika. Etwa die Hälfte von ihnen ist unter zehn Jahre alt. Die dramatischen Folgen der Epidemie würden in einigen Ländern durch Dürre und Nahrungsmittelknappheit verstärkt. Einer Untersuchung in Südafrika zufolge sei das Familieneinkommen um die Hälfte niedriger, wenn ein Elternteil HIV-positiv ist. Gleichzeitig stiegen die Kosten für medizinische Hilfe. So geben betroffene Haushalte laut UNICEF viermal soviel für die Gesundheitsversorgung aus wie früher. Die Situation verschärfe sich noch nach dem Tod der Eltern: Pflegefamilien, die oft mehrere Aids-Waisen versorgen müssen, könnten die Grundbedürfnisse der Kinder oft nicht mehr befriedigen. Meistens fehle es an Nahrung, medizinischer Hilfe und Kleidung.
Viele Waisen brechen die Schule ab, weil sie kein Geld für Schulgebühren, Uniformen, Bücher und Hefte haben, heißt es in der Studie weiter. Immer mehr von ihnen arbeiteten deshalb unter ausbeuterischen und gefährlichen Verhältnissen: als Hausmädchen, in Minen und Steinbrüchen oder als Prostituierte. Eine Untersuchung in Sambia ergab beispielsweise, dass fast drei Viertel der jugendlichen Prostituierten Waisen waren. Sie verdienten zwischen 0,63 und sieben Dollar am Tag und mussten dafür im Durchschnitt mit drei bis vier Kunden am Tag schlafen.
UNICEF rief Regierungen und Öffentlichkeit zur Unterstützung für Aids-Waisen auf. Besonders Pflegefamilien, Gemeinden und lokale Hilfsorganisationen müssten gestärkt werden. Der Zugang zur Bildung sei von entscheidender Bedeutung, mahnte das UN-Kinderhilfswerk. Wichtig sei daher die Abschaffung von Schulgebühren.
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