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USA/Afrika/Aids/KORR: Die Kinder der verschwundenen Generation - Afrikanische Aidswaisen kommen in Großfamilien unter - Bushs Afrika-Stationen Botsuana und Uganda besonders betroffen

Agence France-Presse - Juli 10, 2003
Philippe Bernes-Lasserre

Uutapi, 10. Juli (AFP) - Fürsorglich hält der 92-jährige Tuyakupi Fillipys seinen Urenkel an der Hand. Der Kleine ist der Jüngste von fast 20 Kindern, die in der Obhut des blinden Mannes und seiner Frau sind. Familie Fillipys aus dem Ovamboland im Norden Namibias steht beispielhaft für zahlreiche Großfamilien in Afrika, in denen Millionen Aidswaisen aufgefangen werden - obwohl die Verwandten selbst ums tägliche Überleben kämpfen. Der Kampf gegen Aids ist auch eines der Schwerpunktthemen auf der Afrika-Reise von US-Präsident George W. Bush. Zwei seiner letzten Stationen führen ihn nach Botsuana und Uganda, die besonders stark von der tödlichen Krankheit betroffen sind.

Mit einem neu ernannten Afrikabeauftragten und einem Hilfsprogramm über 15 Milliarden Dollar (rund 13,2 Milliarden Euro) will die US-Regierung den weltweiten Kampf gegen Aids antreten. Die Immunschwächekrankheit hat in vielen afrikanischen Staaten fast eine ganze Generation ausgelöscht: Wo Aids sich am schlimsten ausgebreitet hat, sind die 15- bis 35-Jährigen fast verschwunden.

Viele Aidswaisen sind selbst mit dem Virus infiziert. In Uganda, der vorletzten Station von Bushs Afrikareise am Freitag, sind 620.000 der Infizierten Kinder. Botsuana, das Bush am Donnerstag besuchen wollte, ist mit 85 Neuinfektionen täglich das am stärksten von Aids betroffene Land der Welt. Bei 1,5 Millionen Einwohnern sind in dem südafrikanischen Land 300.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert, wie aus einem aktuellen UN-Bericht hervorgeht. Zehn Prozent der botsuanischen Kinder haben durch Aids ihre Eltern verloren.

Für das alte Ehepaar Fillipys ist es selbstverständlich, sich um die Waisenkinder zu kümmern, denn Solidarität ist in der afrikanischen Großfamilie Pflicht. Nach Ansicht von Urban Jonsson, beim UN-Kinderhilfswerk UNICEF für das südliche Afrika zuständig, können die Verwandten die schwere Last bald aber nicht mehr tragen: "Wir müssen gegen den Mythos der Kapazitäten der afrikanischen Großfamilie angehen", sagt er. Zwei Jahrzehnte lang habe die Großfamilie der Aids-Tragödie standgehalten. "Aber sie genügt nicht mehr", sagt Jonsson. Allein in Namibia ist jeder fünfte Erwachsene mit dem HI-Virus infiziert; 47.000 Aidswaisen leben in dem südwestafrikanischen Land mit 1,8 Millionen Einwohnern.

Während acht Kinder aus dem Haus der Fillipys im nahe gelegenen Uutapi in der Schule sind, bereiten die übrigen, für deren Schulgeld die Rente von 250 namibischen Dollar (rund 22 Euro) im Monat nicht reichte, das Essen vor. Zwei kräftige Kinder stampfen Hirse zu einem Brei. Die Urgroßmutter schält sorgfältig Kerne aus Nüssen, die zu einer Brühe verarbeitet werden. Insgesamt 21 Menschen leben seit dem Tod dreier Kinder der Fillipys in dem Haushalt 850 Kilometer nördlich der Hauptstadt Windhoek. Eine weitere Tochter kämpft in einem Krankenhaus ums Überleben.

"Wir leben wie die Vögel", sagt Tuyakupi Fillipys langsam. "Wir kümmern uns darum, genug für den Tag zu haben." Schon lange ist kein Regentropfen mehr auf die trockene Steppe des Ovambolandes gefallen. Aber ohnehin könnte die Familie die Feldarbeit nicht bewältigen. So ist auch Hunger eine Folge von Aids.

Marianne Shalumbu, im namibischen Frauen- und Kinderministerium für die Beziehungen zu den Volksgruppen zuständig, beobachtet bei den Ovambo seit geraumer Zeit eine Verhaltensänderung: "Die Menschen wollen nicht mehr das Kind eines verstorbenen Bruders oder Cousins aufzunehmen", berichtet sie. Auf Versammlungen nach Beerdigungen, wo Geld- und Famlienangelegenheiten der Verstorbenen geregelt werden, würden viele Verwandte schweigen oder eine Ausrede erfinden, um der Besprechung fernzubleiben. Werden die Aidswaisen dennoch aufgenommen, werden sie nicht selten unterdrückt und - auch sexuell - misshandelt, wie Shalumbu berichtet. Meist seien es die Waisen, die im Haushalt die harten Arbeiten übernehmen müssten. Der UNICEF-Beauftragte Jonsson drückt es so aus: "Die Großfamilie ist der größte Ausbeuter von Aidswaisen geworden."

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