Leipzig, 25. April (AFP) - Noch sind die Experten uneins, ob SARS als die erste Epidemie des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Zumindest in Asien und besonders in China hat die Virusinfektion inzwischen das Ausmaß einer Seuche erreicht. Dort gibt es die meisten der laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit bisher mehr als 4400 Erkrankungen und mindestens 260 Todesfälle. Infektions-Experten warnen allerdings vor Hysterie. "In Relation zu anderen Infektionen ist SARS eine lächerliche Erkrankung", meint Heiko Glass, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Universitätsklinikum Heidelberg. Schließlich fordern Krankheiten wie Aids, Malaria oder die Grippe jährlich Millionen Menschenleben. Auch künftig wird die Menschheit nach Ansicht von Experten vor neuen Krankheiten wie dem Schweren Akuten Respiratorischen Syndrom (SARS) nicht gefeit sein.
Was SARS für die Menschen so bedrohlich macht, ist vor allem die Tatsache, dass mit dem Virus ein bislang unbekannter Erreger auftauchte. "Die Menschheit ist nicht darauf eingestellt", meint Hans-Dieter Klenk, Leiter des Instituts für Virologie der Universität Marburg. Dass jedes Jahr auch in Deutschland Tausende an den Folgen der Grippe sterben, werde viel weniger wahr genommen - wohl auch aus einer "Art Gewöhnungseffekt".
SARS sorgt hingegen seit gut fünf Wochen fast täglich für neue Schlagzeilen. Vor allem die Meldungen aus China schrecken die Menschen auf. Dort ist die Zahl der SARS-Toten bis Freitag auf 115 gestiegen. Nachdem die chinesischen Behörden monatelang versuchten, das Ausmaß der Epidemie zu vertuschen, haben sie nun zu drastischen Maßnahmen gegriffen und unter anderem sämtliche Gefängnisse in Peking sowie zwei große Krankenhäuser von der Umwelt abgeriegelt.
Für Heiko Glass sind die neuen Quarantäne-Maßnahmen Pekings eine "völlig hysterische Überreaktion". Auch Klenk warnt vor Panikmache, mahnt aber zugleich: "Wir müssen SARS ernstnehmen." Denn noch immer werden täglich neue Erkrankungs- und Todesfälle gemeldet, und niemand weiß, ob sich SARS weiter ausbreiten wird. Die Sterberate liegt bei vier bis fünf Prozent, in Kanada liegt die Mortalitätsrate sogar bei zehn Prozent. In Deutschland gibt es bisher sieben "wahrscheinliche" SARS-Fälle, von denen die meisten als geheilt gelten. Von einer Epidemie kann hierzulande also keine Rede sein. Gleichwohl sei nicht auszuschließen, dass weitere Fälle nach Deutschland eingeschleppt werden, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI).
Die SARS-Meldungen drängen allerdings auch in den Hintergrund, dass nach wie vor weltweit Millionen Menschen an anderen Infektionskrankheiten sterben. "Die anderen Krankheiten dürfen nicht vergessen werden", warnt Glasmacher deshalb. Nach Angaben der WHO sterben jährlich mehr als eine Million Menschen an Malaria, die meisten davon in Afrika. Alle 30 Sekunden wird dort ein Kind Opfer der Malaria. Weltweit haben sich 50 Millionen Menschen mit HIV infiziert; 20 Millionen Menschen sind bereits an Aids gestorben. Und selbst die Grippe, die wie SARS durch engen Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen wird, fordert jedes Jahr weltweit bis zu eine halbe Million Opfer. Allein in Deutschland sterben in Jahren mit einer "normalen" Influenza-Welle 5000 bis 8000 Menschen an der Grippe oder Sekundärinfektionen wie Lungenentzündung.
SARS zeigt nun einmal mehr, wie verwundbar die Menschen trotz aller medizinischen Fortschritte sind. "Die Menschen haben sich lange Zeit in ziemlicher Sicherheit gewogen, dass Infektionskrankheiten in den Griff zu bekommen sind", sagt Klenk. Erst Aids habe die große Wende gebracht und vor Augen geführt, dass "nichts sicher" sei. Vor allem die hohe weltweite Mobilität begünstigt die Verbreitung von Infektionskrankheiten wie SARS. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Menschheit auch künftig wieder mit solchen Krankheiten konfrontiert wird", sagt Klenk.
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