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Namibia/Gesundheit/Aids/Gesellschaft/Kinder/KORR: Aids-Tod der Kinder macht Oma und Opa wieder zu Eltern - 92-jähriger Namibier kümmert sich um 21-köpfige Familie

Agence France-Presse - November 29, 2002
Philippe Bernes-Lasserre

Uutapi, 29. November (AFP) - Die Immunschwächekrankheit Aids bedroht im südlichen Afrika nach UN-Angaben fast 30 Millionen Menschen. Schätzungen besagen, dass sich in den Ländern südlich der Sahara täglich 14.000 Menschen mit dem HI-Virus infizieren. In den ländlichen Gegenden sind zahllose Eltern durch die Geißel Aids hinweggerafft worden. Beispiel Namibia, die frühere deutsche Kolonie Südwestafrika: einer von fünf Erwachsenen ist HIV-positiv. Auf eine Bevölkerung von 1,8 Millionen Menschen kommen heute 47.000 Aids-Waisen. Das "System der erweiterten afrikanischen Familie", das seit 15 Jahren die schlimmsten Folgen der Krankheit abfederte, indem sich Tanten, Onkel, Cousinen, Cousins und Großeltern um die Waisen kümmerten, funktioniert nicht mehr.

Der 92-jährige Tuyakupi Fillipys ist blind. Ein Urenkel, der ihm ständig zur Seite steht, führt ihn an der Hand. Von morgens bis abends wuselt eine Schar von einem halben Dutzend Kindern um Fillipys und seine 90 Jahre alte Frau herum. Zwischendurch kommen weitere acht Kinder aus der Schule im Dorf Uutapi, 850 Kilomter nördlich der Hauptstadt Windhuk, nach Hause zurück. Die beiden Alten sind zu Oberhäuptern einer 21-köpfigen Familie geworden. Drei ihrer Kinder und ein Schwiegersohn sind an Aids gestorben. Eine weitere aidskranke Tochter wird im Krankenhaus von Windhuk behandelt.

"Wir leben wie die Vögel, sehen zu, dass wir von einem Tag zum nächsten kommen, kümmern uns um nichts anderes", sagt der Urgroßvater mit bedächtiger und ernster Stimme. Neben ihm schält seine Frau geduldig Kerne für eine Suppe; zwei Kinder, die etwas kräftiger sind als die übrigen, stampfen Hirse.

Seit Monaten hat es nicht geregnet im Ovamboland, und vorausgesetzt der Regen kommt, was keinesfals sicher ist, wird die Familie wie viele andere kaum dazu kommen zu pflügen, zu säen und zu ernten. Die Kinder gehen alle zur Grundschule und das einzige Familieneinkommen besteht aus der monatlichen Rente der beiden Alten in Höhe von 250 Namibischen Dollar (25 Euro).

"Dem Mythos vom so genannten afrikanischen Familienverband müssen wir den Todesstoß versetzen", sagte Urban Jonnson, der Direktor des UN-Kinderhilfswerks UNICEF für Süd- und Ostafrika, diese Woche auf einer Aids-Konferenz in Windhuk. Hier werde etwas idealisiert und mit einem romantischen Anstrich versehen, das eine Zeit erfolgreich gewesen sein mag, mittlerweile aber vollständig zusammen gebrochen sei.

Doch "instinktiv" überdauert das System dennoch. "Ich habe keine Wahl", sagt Fillipys auf die Frage, wie er in seinem Alter mit der großen Kinderschar zurecht kommt. "Sie sind die Kinder von meinen Kindern. So lange ich lebe, müssen sie bei mir bleiben. Gott wird mir die Kraft geben." Die Furcht, was geschieht, wenn er und seine Frau sterben, bleibt unausgesprochen.

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