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D/UNO/Gesundheit/Weltbevölkerung/Arzneien/KORR: Ein Drittel der Welt ohne Zugang zu lebensrettenden Arzneien - WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente wird 25 Jahre alt - Hilfsorganisationen fordern "Positivliste" in Deutschland

Agence France-Presse - Oktober 19, 2002
Andrea Hentschel

Leipzig, 19. Oktober (AFP) - Ob Malaria oder Tuberkulose - viele übertragbaren oder chronischen Krankheiten können schon mit einfachen Arzneien behandelt werden. Vor 25 Jahren - am 21. Oktober 1977 - veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals die so genannte Liste der unentbehrlichen Medikamente. Ziel war es, Menschen überall in der Welt den Zugang zu Arzneien gegen die wichtigsten Krankheiten zu sichern. Laut Hilfsorganisationen sind aber noch immer rund ein Drittel der Weltbevölkerung nicht ausreichend mit lebensrettenden Medikamenten versorgt, die vor allem für die Armen häufig unbezahlbar sind.

Die Auswahl der Medikamente auf der WHO-Liste, der so genannten Model List of Essential Medicines, folgt klaren Kritierien: Wenige, sorgfältig ausgesuchte Arzneistoffe sollen den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit entsprechen sowie jederzeit in ausreichender Menge und zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stehen. Derzeit umfasst die Liste 325 Wirkstoffe. Als großen Durchbruch feierten die Hilfsorganisationen in diesem Jahr die Aufnahme von zwölf Präparaten zur Behandlung von HIV und Aids. Damit wurde jahrelangen Forderungen nach kostengünstigen Medikamenten gegen die Immunschwächekrankheit, die sich vor allem in Afrika rasant ausbreitet, Rechnung getragen.

Dennoch haben nach wie vor Milliarden Menschen keinen Zugang zu lebensrettenden Arzneien. In den ärmsten Regionen Afrikas und Asiens betrifft dies sogar jeden zweiten. Häufig stehen die Präparate nicht, überteuert oder nur in minderer Qualität zur Verfügung. "Allein in diesem Jahr wird es über 40 Millionen Tote in Entwicklungsländern geben, ein Drittel davon sind Kinder unter fünf Jahren", sagt Albert Petersen von der DIFÄM-Arzneimittelhilfe in Tübingen. Zehn Millionen Menschen werden an akuten Infektionen der Atemwege, Durchfall, Tuberkulose und Malaria sterben - Krankheiten, die mit sicheren und billigen Medikamenten behandelt werden könnten.

Dass Arzneimittel nicht teuer sein müssen, zeigt ein von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Zusammenarbeit mit der WHO entwickeltes "Emergency Health Kit". Die Sets enthalten einfachste Arzneien für die Basisversorgung in kleinen Zentren und für die Versorgung durch einen Arzt. Damit können 10.000 Menschen über drei Monate behandelt werden. Der Weltmarktpreis für die insgesamt 12.000 Tabletten, Salben und Lösungen liegt bei ganzen 74 Euro.

Immerhin hat die Liste nach Einschätzung von Experten zu einer besseren Übersicht auf dem Arzneimittelsektor geführt. Bereits 156 von 191 Ländern haben bisher auf Grundlage der WHO-Vorgaben eine nationale Liste der unentbehrlichen Arzneimittel verfasst. Die Listen helfen darüber hinaus, die Medikamente vernünftig anzuwenden und die Kosten zu senken.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Arzneimittelgebrauchs sind vor allem in den ärmeren Ländern erheblich. In den meisten Ländern mit niedrigen Einkommen übersteigen die Ausgaben für Arzneien bis auf die Personalausgaben alle anderen Posten des öffentlichen Gesundheitsbudgets. Die Kosten für die Behandlung ernster Erkrankungen sind ein Hauptgrund für die Verarmung privater Haushalte.

Aber auch in Industriestaaten wie Deutschland werden die Arzneimittelkosten zunehmend zum Problem. Dennoch habe Deutschland bis heute die WHO-Liste noch nicht in eine nationale Liste umgesetzt, kritisiert die BUKO Pharma-Kampagne in Bielefeld, die sich seit Jahren für die weltweite Anwendung des Konzepts einsetzt. Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen drängt BUKO deshalb auf die Einführung der von der Bundesregierung geplanten "Positivliste" der verschreibungsfähigen Arzneimittel, die bei der Wirtschaft allerdings auf Widerstand stößt. Auch Petersen fordert eine Regelung für Deutschland: "Diese Positivliste bedeutet zumindest auf dem kassenärztlichen Sektor eine große Annäherung an das Konzept der unentbehrlichen Arzneimittel".

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