Barcelona, 8. Juli (AFP) - Die Vorstellung eines neuen Medikaments hat auf der Aids-Konferenz in Barcelona Hoffnungen auf Fortschritte bei der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit geweckt. Erstmals solle ein so genannter "Fusionshemmer" ein Eindringen des HI-Virus in die menschliche Zelle verhindern, wie die Pharmaunternehmen Roche und Trimeris am Montag mitteilten. Ein Vertreter der staatlichen US-Forschungsinstitute warnte vor zu hohen Erwartungen: Auch mit effektiven Gegenmitteln werde Aids in den nächsten 70 Jahren nicht ausgerottet werden können, sagte Robert Siliciano. Der Leiter des UN-Aids-Programms UNAIDS, Peter Piot, forderte von Industrieländern mehr Geld für den Kampf gegen Aids.
Das als bislang wirksamstes Aidspräparat gehandelte Medikament T-20 soll in wenigen Monaten auf den Markt kommen, wie die beteiligten Unternehmen aus der Schweiz und den USA mitteilten. T-20 ist danach das erste Medikament einer neuen Wirkstoffklasse: Anders als herkömmliche Mittel, die ihre Wirkung erst nach einer Infektion entfalten, hindert es das Virus daran, überhaupt in die Zellen einzudringen. Der Stoff wurde weltweit an mehr als 1000 Infizierten getestet, darunter auch an solchen, die gegenüber herkömmlichen Wirkstoffen bereits immun waren. Das Medikament soll zunächst in Europa und Nordamerika erhältlich sein.
Das US-Unternehmen VaxGen, das am ersten Impfstoff gegen Aids arbeitet, verwies hingegen auf "sehr gute Nachrichten in den kommenden Monaten." Konkrete Angaben über den Stand der Forschung machte VaxGen-Chef Donald Francis nicht. Das kalifornische Biotechnologie-Unternehmen hatte 1998 als erste Firma die Erlaubnis der US-Regierung bekommen, einen Aids-Impfstoff am Menschen zu testen. Obwohl das HI-Virus seit zwei Jahrzehnten als Ursache für Aids bekannt ist, sind Heilung oder Impfung bislang nicht möglich. Mit teuren Medikamenten, zu denen in den Entwicklungsländern kaum jemand Zugang hat, kann bislang nur der Ausbruch der Krankheit verzögert werden.
Die Politik müsse ihre Versprechen endlich einhalten, sagte UNAIDS-Direktor Piot am Sonntagabend zur Eröffnung der mit 15.000 Teilnehmern größten Aidskonferenz der Geschichte. Jährlich müssten zehn Milliarden Dollar (rund 10,2 Milliarden Euro) aufgebracht werden, um die Entwicklungsländer in ihrem Kampf gegen die Immunschwäche zu unterstützen. Die bislang bereit gestellten 2,8 Milliarden Dollar reichten nicht aus. UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte in einer Grußbotschaft, das einwöchige Treffen vereine "die weltbesten Experten, die entschlossensten Entscheider und die energischsten Aktivisten".
Der Vorsitzende der Deutschen Aids-Stiftung, Ulrich Heide, warnte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk davor, Aids "nur als Problem des anderen wahrzunehmen". Osteuropäische Länder, in denen derzeit die stärkste Zunahme an HIV-Infektionen zu beobachten sei, wiederholten in dieser Hinsicht die Fehler aus Afrika von vor zehn Jahren. Auch für Deutschland könne keine Entwarnung gegeben werden. Nie hätten hier so viele Menschen mit dem HI-Virus gelebt wie heute.
In bevölkerungsreichen Ländern wie China, Indien und Indonesien seien selbst geringe Infektionsraten "verheerend", sagte UNAIDS-Mitarbeiter Hakan Bjorkman. Nach UN-Angaben tragen mittlerweile bis zu 1,5 Millionen Chinesen den HI-Virus in sich, in Indien sind es vier Millionen. Weltweit sind 40 Millionen Menschen mit dem tödlichen Virus infiziert.
+++ Die Aids-Konferenz im Internet unter www.aids2002.com +++
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