Ouagadougou, 13. Dezember (AFP) - Der Zeitpunkt rückt näher, wo Jean-Baptiste Kiwallo über Leben und Tod entscheiden muss. Ist das Leben eines jungen Mannes, der an Aids im fortgeschrittenen Stadium leidet, mehr wert als das eines alten Mannes in einem frühen Stadium der Krankheit? Hat eine Witwe mit drei Kindern mehr Recht auf Leben als eine allein erziehende Mutter mit zwei Kindern? "Das zu entscheiden ist hart, aber wir müssen es tun", sagt Kiwallo. Denn schon bald wird der Arzt nicht mehr genug Geld haben, um in seiner Klinik in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, alle Aidspatienten zu versorgen.
Als das Krankenhaus vor nur 15 Monaten öffnete, war es auf einen Schlag überfüllt. Das Zentrum, das Patienten berät, testet und behandelt, musste deshalb schon nach wenigen Monaten wieder schließen. Neue Gebäude wurden angebaut, das Klinikgelände auf mehr als die doppelte Fläche von nun 400 Quadratmetern vergrößert. Erste Ende November wurde es wieder eröffnet und stößt bereits erneut an die Grenzen seiner Kapazitäten. Etwa 1000 ambulante Patienten werden insgesamt behandelt, einige reisen von weit her an, um von Kiwallo und seinen Kollegen betreut zu werden. Das weiße, blitzsaubere kleine Krankenhaus hat sich in Westafrika herumgesprochen. "Inzwischen kommen Hilfe suchende Menschen aus Guinea, Benin und Niger", berichtet Kiwallo.
Der 31-Jährige und die anderen beiden Ärzte - in Kürze wird es noch einer mehr sein - sowie vier Krankenschwestern arbeiten oft bis spät in die Nacht. Denn im Durchschnitt einige Dutzend Patienten kommen täglich, um sich die anti-retroviralen Medikamente verabreichen zu lassen, die das Virus unterdrücken, aber nicht zerstören. Manchmal sind es Hunderte. Wer es sich leisten kann, zahlt einen Beitrag - abhängig vom Einkommen sind es fünf bis 15 Prozent der Kosten. Verarmte Familien - häufig Aids-Witwen oder Waisen - werden umsonst behandelt. Eine Wohltäterin in Paris macht das möglich: Jaqueline Beytout, deren Stiftung gemeinsam mit dem Französischen Roten Kreuz, dem Staat Burkina Faso und der Pan-Afrikanischen Aids-Organisation (OPALS) das Krankenhaus betreibt.
Die Erfolge sind groß. "Es kommen Menschen hierher, die auf einer Bahre hereingetragen werden und nicht mehr die Kraft haben aufzustehen", erzählt Kiwallo. "Nach ein paar Monaten Behandlung nehmen sie 20 oder 30 Kilo zu und sind wieder voller Leben. Sie grüßen mich immer auf der Straße und kommen ab und zu in der Klinik vorbei, um sich zu bedanken." Das Problem ist, dass sich das Aids-Zentrum nur die lebenslange Behandlung von 300 Patienten leisten kann. Die Nachfrage ist jedoch so enorm, dass schon jetzt 175 dieser Plätze belegt sind.
Immer näher rückt der Moment, wo Kiwallo und seine Kollegen entscheiden müssen, wer die teuren Medikamente erhält. Drei verschiedene Gremien werden die Patienten nach medizinischen, psychologischen und soziologischen Kriterien untersuchen. Und dann beschließen, wer ein normales Leben führen darf und wer sterben muss. Doch noch gibt Kiwallo die Hoffnung nicht auf. In diesem Jahr ist der monatliche Preis für die anti-retrovirale Behandlung eines Patienten drastisch gefallen. Durch eine Übereinkunft großer Pharmaunternehmen und des Gesundheitsministeriums von Bukina Faso wurde der Preis von 450 Dollar im Monat auf weniger als 150 Dollar im Monat gesenkt. Vielleicht hilft Kiwallo ja auch die Internationale Aids-Konferenz, die am Donnerstag in Ouagadougou zu Ende geht, Spenden für sein Projekt zu erhalten. Zumindest lenkt sie das Interesse auf seine Arbeit.
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