Berlin, 29. November (AFP) - Die Krankheit Aids ist kaum noch ein öffentliches Thema, klagt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Doch der Schein trügt: Aids ist weiterhin tödlich und Vorbeugung immer noch "der einzige Schutz" vor der Infektion mit HIV, sagt Ulrich Heide vom Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. Das gilt vor allem für eine Bevölkerungsgruppe, in der die Zahl der HIV-Positiven weiter steigt: die Migranten. Doch gerade hier fehlt es an Konzepten wie an Geld.
Dass Aufklärung und Prävention funktionieren können, hat sich in den vergangenen Jahren an den Risikogruppen der Homosexuellen und Drogenabhängigen gezeigt. Dort haben allerdings Selbsthilfegruppen über die Risiken von ungeschütztem Geschlechtsverkehr und benutzten Injektionsnadeln aufgeklärt. In der dritten Gruppe, den Migranten, findet dagegen bislang so gut wie keine Aufklärung statt, obwohl ihr Anteil unter den jährlich 2000 Neuinfizierten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts immer stärker ansteigt. 1999 waren es noch 18 Prozent, heute haben die Migranten mit 21 Prozent die Gruppe der neuinfizierten heterosexuellen Männer auf Platz drei (18 Prozent) verdrängt. Die Zahl der erkrankten Fixer ging dagegen seit 1997 von 14 Prozent auf nun zehn Prozent zurück, während die homosexuellen und bisexuellen Männer mit rund 50 Prozent weiter an erster Stelle liegen.
"Eine Aidsaufklärung für Migranten gibt es trotz dieser alarmierenden Zahlen so gut wie nicht", klagt Achim Jergentz vom Landesvorstand der baden-württembergischen Aidshilfe. "Jeder Vorstoß von uns wird im Stuttgarter Sozialministerium abgeblockt und uns gesagt, wir sollen zufrieden sein mit dem, was wir bekommen", sagt Jergentz. Und das ist bei einem Jahresbudget von 71.000 Mark (36.300 Euro) pro Beratungsstelle herzlich wenig. Aufklärung unter den Ausländerkindern in den Schulen durch ausgebildete Berater ist laut Jergentz deshalb ebensowenig machbar wie Prävention unter erwachsenen Migranten: Die Dolmetscherkosten bei Zuwanderern aus Osteuropa, Afrika, Afghanistan, Vietnam oder Indien könne sich kaum eine der Aidshilfen leisten.
Finanzieller Mangel wie in Baden-Württemberg ist die Regel: Das Robert-Koch-Institut beklagt in seinem jüngsten Epidemiologischen Bulletin einen bundesweiten "Abbau personeller und finanzieller Ressourcen für Präventionsmaßnahmen". Die Zahl der Aids-Beratungsstellen sei ebenso zurückgegangen wie die der Mitarbeiter und der Präventionsarbeit "vor Ort".
Doch allein am Geld liegt es nicht. Es fehlen bislang auch die richtigen Konzepte, um die kulturell so unterschiedlichen Gruppen der Zuwanderer beim Thema Aids und Vorsorge zu erreichen. "In den Köpfen der verantwortlichen Politiker ist die Prävention noch immer am deutschen Durchschnittsbürger orientiert. Der kulturelle Hintergrund der hier lebenden 7,3 Millionen Ausländer wurde dabei völlig außer Acht gelassen", kritisiert Heidrun Nitschke-Özbay von der Landeskommission Aids in Nordrhein-Westfalen.
Die Ärztin weist darauf hin, dass die Wirkung von Präventionskampagnen auf Ausländer bislang völlig unklar ist. Keiner könne sagen, wie etwa die Plakataktion "Mach mit" mit den abgebildeten Kondomen auf Ausländer wirkt: ob sich etwa der japanische Banker in Frankfurt davon angesprochen oder die Migrantentochter aus Marokko abgestoßen fühlt. "Konzepte für die Aids-Aufklärung von Zuwanderern müssen erst noch erforscht und entwickelt werden", sagt sie. Und weil bis dahin die fehlende Präventionsarbeit weiter Risiken schaffe, werde die Zahl der Migranten unter den Neuinfizierten auch weiter steigen, sagt sie.
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