Durban, 6. Juli (AFP) - Afrika steht nach Auffassung von Experten eine Aids-Katastrophe ungeahnten Ausmaßes bevor. Die Warnung steht im Mittelpunkt der sechstägigen Welt-Aids-Konferenz, die am Sonntag in der südafrikanischen Hafenstadt Durban beginnt. "In den nächsten zehn Jahren wird Aids in Schwarzafrika mehr Menschen töten als alle Kriege des 20. Jahrhunderts", erklärt Peter Walker, Leiter der Seuchenbekämpfung beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Die Zahlen sprechen für sich: 24,5 Millionen Menschen südlich der Sahara sind HIV-infiziert, das sind 70 Prozent aller weltweiten Infektionen. Alle Infizierten werden in den kommenden zehn Jahren sterben. Warum gerade Afrika von der Immunschwächekrankheit heimgesucht wird, ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Im Gegensatz zu anderen Weltregionen, wo vornehmlich Drogensüchtige und Homosexuelle betroffen sind, werden in Afrika vor allem junge Frauen infiziert. Bei 25-Jährigen sind mancherorts bis zu 58 Prozent einer Generation von dem tödlichen Virus befallen, bei Männern liegt die Rate zumeist um 15 Prozent darunter. Angesichts der hohen Aids-Sterblichkeit ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Simbabwe, Malawi und Swasiland unter 40 Jahre gefallen. Die Auswirkungen sind dramatisch, teilweise fallen alle Gesellschaftsstrukturen in sich zusammen. Dringend notwendige Sexualaufklärung kann nicht mehr geleistet werden, weil auch die Lehrer sterben. Übrig bleiben oft nur noch junge Aids-Waisen und alte Menschen. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi leben 60.000 Kinder in den Straßen, schnüffeln Lösungsmittel, betteln und prostituieren sich.
Für zusätzlichen Zündstoff sorgt der Gastgeber der Veranstaltung, der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki. Im April warf er der westlichen Medizin vor, die angeblich wahren Gründe für die Immunschwächekrankheit zu verkennen. Er berief Wissenschaftler in einen Beirat, die Aids nicht auf den HI-Virus, sondern auf Unterernährung und Hygienemangel zurückführen. Dagegen laufen weltweit 5000 Wissenschaftler und Ärzte Sturm. In einer "Erklärung von Durban" bezeichnen sie die Thesen als "revisionistisch" und extrem gefährlich. "Diese Meinung wird viele Menschenleben kosten", warnen die Unterzeichner. Die Verursachung durch den Virus sei grundlegend nachgewiesen, der Erreger müsse als Hauptfeind angesehen und bekämpft werden. Mbeki antwortete, er werde die Erklärung in den Papierkorb werfen.
Südafrika, das mit 4,2 Millionen weltweit die meisten HIV-Infizierten zählt, wird von Wissenschaftlern wegen seiner besonders nachlässigen Anti-Aids-Politik kritisiert. So gebe es keine wirksamen landesweiten Aufklärungskampagnen, obwohl das Land als letztes von der Seuche erfasst wurde und auf bestehende Erfahrungen hätte aufbauen können. Auch die Abgabe des Mittels AZT, das die Übertragung des HI-Virus von Schwangeren auf ihre Neugeborenen behindert, wurde aus Kostengründen nicht landesweit eingeführt.
Ärmere afrikanische Staaten haben überhaupt keine Chance mehr, mit eigenen Kräften gegen die Seuche vorzugehen. Medikamente sind bei einem jährlichen Gesundheitsbudget von manchnmal nur zehn Mark pro Person nicht bezahlbar. Die einzig derzeit bekannte Behandlung, die sogenannte Tritherapie, kostet rund 6000 Mark pro Jahr und Person. Sie hält den Virus in Schach, ohne ihn auszumerzen. Derartige Medikamente kann kein afrikanischer Staat zahlen. Ein Aids-Impfstoff ist immer noch nicht in Sicht, obwohl die Wissenschaftler noch nie so viel über einen Erreger wussten wie über die beiden HI-Viren.
Die Welt-Aids-Konferenz in Durban soll vor allem die regierenden Eliten des Kontinents auf ihre Verantwortung aufmerksam machen. Nur wenige afrikanische Politiker haben die Bedrohung erkannt. Zu ihnen zählt Ugandas Präsdent Yoweri Museveni. Nach seinem Putsch 1986 schickte er Soldaten zur Ausbildung nach Kuba, wo sie teilweise Aids-Tests unterzogen wurden. Seitdem versucht Uganda als einer der wenigen Staaten in Afrika, für eine flächendeckende Aufklärung auch in den ärmsten und entlegensten Landesteilen zu sorgen.
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