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"Kinderprostitution durch deutsche Ausflügler kein Kavaliersdelikt":Aufklärungskampagne gegen Sextourismus nach Tschechien
Andrea Hentschel
Agence France-Presse - Juni 28, 2000

Schönberg, 28. Juni (AFP) - Seit ihrem zwölften Lebensjahr wird Monika von ihrer Mutter und dem Stiefvater auf den Strich geschickt. Das 15-jährige Mädchen ist mit Hepatitis C infiziert und hat gerade ein Kind bekommen. Dies ist nur ein Beispiel für Kinderprostitution, wie sie sich täglich im tschechischen Grenzgebiet zu Deutschland abspielt. Vor allem Freier aus Bayern und Sachsen, aber zunehmend auch aus ganz Deutschland, kaufen sich in Tschechien schnellen und billigen Sex mit Minderjährigen. Um den Strom des Kinder-Sex-Tourismus zu stoppen, startete das Bundesinnenministerium am Mittwoch an acht Grenzübergängen eine Plakat- und Postkarten-Aktion gegen sexuellen Kindesmissbrauch. Auch das sächsische Modellprojekt Karo, 1994 zur HIV- und Aidsprävention bei Prostituierten im Grenzgebiet gegründet, beteiligt sich an der Kampagne.

Nach Angaben von Karo-Projektleiterin Cathrin Schauer sind Kinderprostitution und -pornografie im deutsch-tschechischen Grenzgebiet dramatisch angestiegen. Allein in der Region um Cheb (Eger) gebe es 98 bordellähliche Einrichtungen. Auch Drogenkonsum und Gewalt nehmen Schauber zufolge immer mehr zu. Nach Erkenntnissen der Streetworkerinnen werden schon Fünfjährige auf dem Straßenstrich und in Wohnungen angeboten. Achtjährige prostituieren sich in Spielhallen, 16-Jährige sind in Bordells Normalität. Meist stammen die Mädchen und auch Jungen aus Tschechien, der Slowakei und anderen osteuropäischen Staaten. "Die Kinder werden von Zuhältern zur Prostitution gezwungen, vielfach aber auch von den eigenen Eltern", berichtet Schauer. Viele Kinder seien bereits mit Hepatitis oder Geschlechtskrankheiten infiziert.

Auch die sächsische PDS-Landtagsabgeordnete Cornelia Ernst, die die Sozialarbeiterinnen im März nach Tschechien begleitete, zeigt sich erschüttert über das Ausmaß der Kinderprostitution: "Keine Straße nach Eger, keine Gasse, kein Straßenzug in der City ohne kleinere Gruppen minderjähriger Mädchen, so ab 12 Jahren und zum Teil hochschwanger." Einige Mädchen hätten von Misshandlungen durch deutsche Freier berichtet. Zudem hat Ernst von Zeugen erfahren, dass sogar schon Säuglinge deutschen Männern zum Filmen, Fotgrafieren, aber auch zum körperlichen Missbrauch überlassen werden.

Die drei Streetworkerinnen von Karo bieten den Kindern Beratung an, klären über HIV-Risiken auf und versuchen zu helfen. Viele Betroffene hätten aber Angst, auch wegen der Zuhälter, meint Schauer. Für die engagierte Sächsin ist es deshalb schon ein Erfolg, "wenn die Kinder und Jugendlichen Vertrauen haben, zu uns kommen und mit uns sprechen oder sich einfach nur ausruhen".

Von der Aufklärungskampagne erhoffen sich die Sozialarbeiter und auch die Bundesregierung eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Problem. Es sollen nicht nur potenzielle Täter abgeschreckt werden, sondern auch die Bereitschaft der Bevölkerung erhöht werden, Anzeigen zu erstatten. Denn bisher werden lediglich zwei bis fünf Prozent solcher Delikte angezeigt. "In der deutschen Bevölkerung gibt es wenig Bewusstsein darüber, dass Prostituion von Kindern durch Touristen und Ausflügler kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein Verbrechen" sagt Mechthild Maurer von ECPAT. Die weltweit agierende Nichtregierungsorganisation, der auch Karo angehört, setzt sich seit Jahren gegen die kommerzielle Ausbeutung von Kindern ein. Sexuellen Kindesmissbrauch gebe es aber nicht nur in Thailand, sondern gleich nebenan, meint Maurer.

Bis zum Freitag noch verteilen Bundesgrenzschutzbeamte deshalb an acht Grenzübergängen in Bayern und Sachsen an Durchreisende Postkarten mit dem Slogan "Missbraucht und zerstört - Grenzenloses Leid". Cornelie Sonntag-Wolgast (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, hofft auf eine Änderung des Bewusstseins. "Die Aktion soll deutlich machen, dass Kinder keine Ware, kein Spielzeug sind und das Kindesmissbrauch strafrechtlich verfolgt wird, auch über Grenzen hinweg."

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