Washington, 12. Mai (AFP) - In Sierra Leone stehen die UN-Truppen mit dem Rücken zur Wand, am Horn von Afrika wütet eine Hungerkatastrophe und auch in der Region der großen Seen sind die Kämpfe wieder aufgeflammt: Auf dem afrikanischen Kontinent jagt eine Krise die nächste, während sich die Supermacht USA auffallend zurückzuhalten scheint. Offiziell ist Afrika ein außenpolitischer Schwerpunkt von US-Präsident Bill Clinton, doch der Einsatz von militärischer Gewalt gehört in dieser Weltregion nicht zu seinem Instrumentarium. In Afrika agiert Clinton wie im eigenen Land mit einer Politik der kleinen Schritte - zum Beispiel mit der gerade erlassenen Order an seine Handelsbeauftragte, beim Patentschutz ein Auge zuzudrücken, damit afrikanische Aids-Kranke an billigere Medikamente herankommen.
Historisch gesehen steht Schwarzafrika ganz unten auf der Prioritätenliste der USA, weil diese ihre nationalen Interessen von den dortigen Entwicklungen nicht berührt sehen. Die US-Beteiligung an der UN-Mission in Somalia wurde 1993 abrupt beendet, nachdem die Leichen getöteter US-Soldaten vor laufenden Fernsehkameras nackt durch die Straßen von Mogadischu geschleift worden waren. `Seit der unglücklichen Somalia-Intervention schaudert es die Politiker davor, wieder auf dem Kontinent einzugreifen", meint der Afrika-Spezialist Peter Lewis von der American University in Washington.
Doch dann reiste Clinton vor zwei Jahren zu einem vielbeachteten Besuch auf den Kontinent und beschwor dessen `Wiedergeburt", die er in Ländern wie Südafrika, Uganda oder Äthiopien festgestellt zu haben glaubte. Der US-Präsident versprach den Abbau von Handelsschranken, um afrikanischen Waren besseren Zugang zu den US-Märkten zu verschaffen und die Länder dadurch schneller in die Weltwirtschaft zu integrieren. Auch diplomatisch ging er in die Offensive: Mehr als ein Jahr lang schickte er Top-Diplomaten ans Horn von Afrika, um im Grenzkonflikt zwischen Eritrea und Äthiopien zu vermitteln.
Dass die Kämpfe zwischen den beiden Staaten, die den USA freundlich gesinnt sind, trotzdem wieder aufflammten, konnten auch Appelle aus dem Weißen Haus nicht verhindern - ebensowenig wie der gerade erfolgte Besuch des neuen US-Botschafter bei der UNO, Richard Holbrooke, am Horn von Afrika. Holbrooke hatte kurz nach seinem Amtsantritt verkündet, er werde die Stabilität in Afrika zu seinem Top-Thema machen. Vergangene Woche schalt er Uganda, einen weiteren früheren Musterschüler der USA, für das Wiederaufflammen der Gewalt in Kongo.
Die Clinton-Regierung habe gute Absichten, könne aber wenig Ergebnisse vorweisen, kritisiert Lewis. Sie bringe weder Zuckerbrot in Form von Entwicklungshilfe noch die Peitsche in Form einer militärischen Drohung mit an den Verhandlungstisch. Auch der außenpolitische Experte Ted Galen Carpenter vom konservativen Cato-Institut sieht mehr Worte als Taten. Clinton sei sich klar darüber, dass im Kongress und in der breiten Bevölkerung wenig Bereitschaft zu einer US-Intervention in Afrika bestehe. `Und außerdem ließe sich eine solche Intervention keinesfalls als wichtig im Sinne der amerikanischen Interessen verkaufen", meint Carpenter.
Am liebsten wäre es der US-Regierung, die Afrikaner lösten ihre Konflikte selbst, und zwar über regionale Organisationen - im Fall Sierra Leone zum Beispiel über die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS. Doch den afrikanischen Staaten fehlt es nach Ansicht von Lewis an Koordination, Ressourcen und Fähigkeiten, um eine `Pax Africana" zu errichten. Dabei braucht der Kontinent nach Ansicht eines Washingtoner Diplomaten dringend Lösungen, ob regionaler oder anderer Natur: `Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase für die Zukunft Afrikas."
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