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Ruanda/Aids/KORR: Nach dem gewaltsamen Genozid kommt der schleichende - Seit 1981 sind in Ruanda 55.000 Kinder an Aids gestorben - Keine Abhilfe gegen weitere Zunahme der Aids-Waisen in Sicht

Von Emmanuel Goujon
Agence France-Presse - Juli 30, 1999


Kigali, 30. Juli (AFP) - `Ruanda hat gerade einen Genozid hinter sich", sagt Stephen Lewis, Vize-Direktor des UN-Kinderhilfswerks Unicef, mit Blick auf die Massaker, bei denen in dem ostafrikanischen Land 1994 Hunderttausende umgebracht wurden. Deshalb sei es `für die Ruander schwer zu verstehen, daß sich eine neue Tragödie abzeichnet." Die Tragödie, von der die Rede ist, ist eine schleichende. Aber ihre Auswirkungen sind dennoch brutal: Jeder neunte Einwohner ist mit dem Aids-erregenden HI-Virus infiziert; seit 1981 sind 55.000 ruandische Kinder an Aids gestorben; bei den Kleinkindern unter fünf Jahren gibt es durch den Aids-Tod der Eltern schon 37.000 Waisen.

Das staatliche ruandische Programm zur Bekämpfung von Aids (PNLS) rechnet damit, daß bis zum Jahr 2012 insgesamt 390.000 Kinder in Ruanda mit dem Aids-Virus infiziert sein werden, wenn keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. `Viele Kinder stecken sich bereits bei ihrer Geburt mit dem Virus an", sagt PNLS-Direktor Innocent Ntaganira. Das Problem ist kaum in den Griff zu bekommen, schon gar nicht unter den hygienischen Bedingungen, die hier vorherrschen. `30 Prozent der schwangeren Frauen sind Trägerinnen der Krankheit und können ihre Kinder bei der Geburt infizieren", umreißt Ntaganira das Ausmaß der Aufgabe.

Um die Risiken einer Übertragung von Mutter auf das Kind zu senken, haben die ruandischen Behörden in Kigali ein Pilotprojekt gestartet. Schwangere Frauen können sich in der Hauptstadt einer Versuchsbehandlung zur Krankheitsvorsorge unterziehen. 80 Prozent der Frauen, die die Beratungsstelle aufsuchten, haben sich dem Aids-Test unterzogen. Für umgerechnet 7,50 Mark können sich die jungen Mütter selbst bei der Entbindungung untersuchen lassen. Die Neugeborenen werden in die Aids-Prävention einbezogen.

Beunruhigend ist auch die zunehmende Verbreitung von Aids unter den Jugendlichen. `Immer mehr junge Leute stecken sich durch verfrühte, ungeschützte sexuelle Kontakte an", warnt Ntaganira. `Die jungen Ruander zahlen einen hohen Tribut an die Krankheit." Mehr als 50 Prozent der jungen Leute haben nach einer Erhebung der PNLS vor dem Alter von 19 Jahren mindestens eine sexuelle Beziehung gehabt. `Das bedeutet, daß die Zahl in Wirklichkeit noch viel höher liegen muß", argwöhnt der Leiter des Programms.

Ntaganira fordert vor allem mehr Aufklärung. Jeder junge Ruander müsse lernen, wie man ein Kondom benutzt. Eine Sensibilisierung für die Verwendung des Verhütungsmittels könne nur durch `ständiges Einhämmern" erfolgen. `Die Kirchen, die Schulen, die außerschulischen Jugendinstitutionen, die politischen Instanzen - alle müssen dabei helfen", sagt Ntaganira. Er verweist auf das Beispiel Ugandas, wo eine solche Aufklärungskampagne bereits erfolgreich gelaufen sei.

Die Aids-Statistik Ruandas entspricht in ihren Grundaussagen der allgemeinen Entwicklung in Schwarzafrika. `Das Virus ist für die Kinder in Schwarzafrika allgemein eine Katastrophe. Unter den 16jährigen gibt es täglich 1600 und unter den 24jährigen zwischen 7000 und 8000 Neuinfektionen", sagt der Vize-Direktor von Unicef. `Es gibt heute mehr als acht Millionen Aidswaisen in Schwarzafrika", resümiert Lewis. `Am Ende des Jahres 2000 wird es zehn Millionen geben".

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