Washington/Frankfurt, 22. Mai (AFP) - Nach dem Skandal um den Blutfettsenker Lipobay ist der deutsche Pharmakonzern Bayer erneut mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Nach einem Bericht der "New York Times" vom Donnerstag infizierten sich allein in Asien in den 80er Jahren mehr als hundert Bluter nach Anwendung eines Bayer-Medikaments mit dem AIDS-Virus. Demnach vertrieb eine Bayer-Tochter das Blutgerinnungs-Mittel weiter in Asien und Südamerika, während in den USA und Europa bereits ein sichereres Produkt vermarktet wurde.
Bayer entgegnete, der Konzern habe sich "jederzeit verantwortungsvoll, moralisch und human verhalten" und das alte unbehandelte Medikament schnellstmöglich vom Markt gezogen. Die vor zwei Jahrzehnten gefällten Entscheidungen hätten auf "der besten wissenschaftlichen Information der Zeit" basiert, erklärte das Unternehmen.
Aus internen Dokumenten geht laut "New York Times" hervor, dass die Bayer-Tochter Cutter Biological nach 1984 nicht auf dem Plasma-Konzentrat "Factor VIII" sitzenbleiben wollte, das sich im Westen nur noch schwer vermarkten ließ. Die neuen Blutprodukte wurden erstmals hitzebehandelt, wodurch sich das Übertragungrisiko des HI-Virus deutlich reduzierte. Für rund ein Jahr verkaufte Cutter vermutlich aber noch mehr als 100.000 nicht-hitzebehandelte Ampullen des Mittels nach Japan, Taiwan, Hongkong, Singapur, Malaysia, Indonesien und Argentinien und machte damit einen Millionenumsatz.
Da damals noch kein verlässlicher Aids-Test entwickelt war, lässt sich die Zahl der Opfer dem Blatt zufolge nur schwer nachvollziehen. Aus Dokumenten und Interviews gehe aber hervor, dass sich alleine in Hong Kong und Taiwan mehr als 100 Bluter nach der Behandlung mit "Factor VIII" mit dem HI-Virus infizierten und später viele von ihnen starben. Die Mutter eines jungen Mannes aus Hong Kong, der 1996 im Alter von 23 Jahren starb, warf Bayer in dem Bericht "Rassendiskriminierung" vor.
Die Veröffentlichung kommt für Bayer zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Nach möglicherweise rund hundert Todesfällen durch den Cholesterinsenker Lipobay sind gegen den Konzern in den USA rund 8400 Klagen anhängig. Im Fall "Factor VIII" sind Prozesse laut "New York Times" wegen der schlechten Datenlage aber unwahrscheinlich.
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